In der Morgend?mmerung, in der roten Luft, gl?nzt ein gro?er Stern, der hellste Stern des Morgens; sein Strahl zittert auf der wei?en Wand, als wollte er dort niederschreiben, was er zu erz?hlen wei?, was er Jahrtausende hindurch hier und dort auf unserer kreisenden Erde gesehen hat. H?ren wir eine seiner Erz?hlungen: Erst kürzlich – das ?kürzlich? des Stern hei?t für uns Menschen ?vor Jahrhunderten? – begleiteten meine Strahlen einen jungen Künstler; es war in der Stadt der P?pste, in der Weltstadt Rom. Vieles hat sich dort in der Zeiten Lauf ver?ndert, doch nicht so schnell, wie die Menschengestalt vom Kind zum Greis übergeht.
Die Kaiserburg war wie heute noch eine Ruine; Feigen- und Lorbeerb?ume wuchsen zuwischen den umgestützten Marmors?ulen hin über die zerst?rten Badezimmer, die noch mit Gold an den W?nden prangten; das Kolosseum war eine Ruine, die Kirchenglocken l?uteten, das R?ucherwerk duftete, durch die Stra?en schritten Prozessionen mit Kerzen und strahlenden Baldachinen. Kirchenheilig war es hier, und hehr und heilig war die Kunst.
In Rom lebte der gr??te Maler der Welt, Raffael; es lebte dort der erste Bildhauer des Zeitalters, Michelangelo; selbst der Papst huldigte diesen beiden, beehrte sie mit seinem Besuch; die Kunst war anerkannt, geehrt und wurde auch belohnt. Allein dessen ungeachtet wurde nicht alles Gro?e und Tüchtige gesehen und bekannt. In einem engen G??chen stand ein altes Haus, einst war es ein Tempel gewesen; ein junger Künstler wohnte darin, arm war er, unbekannt war er; er hatte freilich junge Freunde, Künstler wie er, jung von Gemüt, jung im Hoffen und Denken; sie sagten ihm, er sei reich an Talent und tüchtig, aber er sei ein Narr, da? er nicht selber daran glaube; zerbrach er doch stets, was er in Ton geformt hatte, wurde niemals zufrieden, bekam nie etwas fertig, und das mu? man, damit es gesehen und anerkannt werden kann und Geld bringt: ?Du bist ein Tr?umer!? sagten sie ferner, ?und das ist dein Unglück!
Das kommt aber daher, da? du noch nicht gelebt, das Leben noch nicht gekostet hast, es nicht genossen hast in gro?en gesunden Zügen, wie es genossen werden mu?. Gerade in der Jugend kann und mu? man sein Ich mit dem Leben verschmelzen, auf da? sie eins werden! Schau den gro?en Meister Raffael an, den der Papst ehrt, den die Welt bewundert, er ist kein Ver?chter von Wein und Brot!? ?Er verspeist noch obendrein die B?ckerin, die niedliche Fornarina!? sagte Angelo, einer der lustigsten jungen Freunde. Ja, was sagten sie nicht alles, je nach ihrer Jugend und nach ihrem Verstande. Sie wollten den jungen Künstler mit hinausziehen in das lustige, wilde Leben, das tolle Leben, wie man es auch nennen k?nnte; und er fühlte auch für Augenblicke Neigung dazu; er hatte hei?es Blut, eine starke Phantasie, er verstand es wohl, in das lustige Gespr?ch mit einzustimmen, laut zu lachen mit den anderen; und doch, was sie ?Raffaels fr?hliches Leben? nannten, schwand ihm wie der Morgentau, wenn er den Gottesglanz sah, der aus den Bildern des gro?en Meisters leuchtete, und stand er im Vatikan vor den Sch?nheitsgestalten, welche die Meister vor Jahrhunderten aus Marmorbl?cken geformt hatten, dann hob sich seine Brust, dann vernahm er in seinem Innern etwas so Hohes, Heiliges, Erhebendes, Gro?es und Gutes, und er wünschte aus dem Marmorblock ebensolche Gestalten zu schaffen, zu mei?eln.
Er wollte ein Bild schaffen von dem, was sich aus seinem Herzen hinauf zu dem Unendlichen emporschwang, aber wie und in welcher Gestalt? Der weiche Ton gestaltete sich unter seinen Fingern zu Sch?nheitsformen, doch tags darauf zerbrach er, wie immer, was er geschaffen hatte. Eines Tages schritt er an einem der reichen Pal?ste vorüber, deren Rom so viele aufzuweisen hat; er blieb stehen vor der gro?en, offenen Einfahrt und sah hier mit Bildern geschmückte Bogeng?nge, die einen kleinen Garten umschlossen; der Garten prangte mit einer Fülle der sch?nsten Rosen. Gro?e wei?e Callas mit ihren grünen, saftigen Bl?ttern schossen empor aus dem Marmorbassin, in welchem das klare Wasser pl?tscherte; und hier vorüber schwebte eine Gestalt, ein junges M?dchen, die Tochter dieses fürstlichen Hauses, fein, leicht, wunderbar sch?n! Eine solche Frauengestalt hatte er noch nie gesehen, und doch! gemalt von Raffael, gemalt als Psyche in einem der r?mischen Pal?ste. Ja, dort war sie gemalt, hier schritt sie lebendig einher.
In seinen Gedanken, in seinem Herzen lebte sie; und er ging zurück in sein ?rmliches Zimmer und formte in Ton die Psyche, und es war die reiche, junge R?merin, die adlige Jungfrau; zum erstenmal betrachtete er sein Werk mit Befriedigung. Es hatte Bedeutung für ihn, es war sie. Und die Freunde, die es sahen, jubelten vor Freude; dieses Werk war eine Offenbarung seiner Künstlergr??e, die sie im voraus erkannt hatten, jetzt sollte auch die Welt sie erkennen. Der Ton ist zwar fleischig und lebendig, er besitzt aber nicht die Wei?e und Dauer des Marmors; zum Leben in Marmor mu?te diese Psyche gelangen, und den kostbaren Marmorblock besa? er schon, der lag schon seit Jahren als Eigentum der Eltern im Hof; Glasscherben, Fenchelkraut, überbleibsel von Artischocken h?uften sich über ihn und beschmutzten ihn, aber im Innern war der Block wie der Schein des Berges; aus diesem Marmor sollte die Psyche entstehen.
Eines Tages nun geschah es – ja, der helle Stern erz?hlt nichts davon, er sah es nicht, wir aber wissen es –, da? eine vornehme r?mische Gesellschaft in die enge, unansehnliche Gasse kam. Die Equipage hielt am Anfang der Gasse, die Gesellschaft begab sich zu Fu? zu dem Haus, um die Arbeit des jungen Künstlers zu sehen, sie hatten zuf?llig davon geh?rt. Und wer waren die vornehmen G?ste? Armer junger Mann! Gar zu glücklicher junger Mann k?nnte er auch genannt werden. Die junge Adelige selber stand hier im Zimmer, und mit welchem L?cheln, als ihr Vater sagte: ?Du bist es, wie du leibst und lebst!? Das L?cheln kann nicht geformt, der Blick nicht wiedergegeben werden, der wunderbare Blick, mit dem sie den Künstler ansah; es war ein Blick, erhebend, adelnd und – zermalmend. ?
