Die Wellen rollten den Strand hinauf und verteilten salzige Küsse. Der Wind sammelte die wenigen wei?en Wolken wie verlorene Schafe und zauberte eine neue Himmelslandschaft für die kreischenden M?wen.
Der Junge lief durch den feinen Sand und für einen Augenblick hinterlie? er Spuren seiner nackten Fü?e als Zeichen eines unbeschwerten Daseins. Es war der sch?nste Tag, seit Erschaffung der Welt. Und dieser Tag war für ihn gemacht. Er lie? flache Steine übers Wasser hüpfen, sprang ihnen nach, tauchte ins Wasser, befreite Undine, die Meerjungfrau, aus den Netzen; wurde zum fliegenden Fisch und flog als M?we zurück zum Strand.
Eine Muschel ragte aus dem Sand hervor, gleich einem vergessenen Horn. Er grub sie aus wie einen wiedergefundenen Schatz und hielt sie an sein Ohr. -Schiff, ahoi-, rief Kapit?n Morgans tiefe Stimme. Der Junge blickte zum Strand und gewahrte das Boot, welches unruhig auf den Wellen t?nzelte. Kapit?n Morgan, seetangbehangen und meersterngeschmückt schwang seinen Arm wie eine Fahne zum gro?en Aufbruch. Der Junge sprang ins Boot und eine Riesenwelle wogte heran. Wich zurück und nahm es mit sich wie einen kleinen Happen. Der Wind pustete sich auf und die Segel strafften sich, stolz wie die Brüste junger M?dchen. -Schiff, ahoi-, schrie auch der Junge und das Boot schoss gleich einem Pfeil über sch?umende Wellenberge. Delphine sprangen aus dem Wasser und nahmen den Wettkampf an.
Er nahm die Muschel von seinem Ohr und dachte sich eine andere Geschichte aus. Hoch oben am Strand stand Feinsliebchen Megan. Er erl?ste sie vom Bodenschrubben und Tellerwaschen. Reinigte ihr Gesicht von Cinderellaasche und schmückte sie mit den sch?nsten Kleidern, die er in Tante Pollys Zeitschrift ′Die Frau von heute′ gesehen hatte. Und die K?nigin von England erblasste vor Neid. Megan l?chelte hoheitsvoll, als sie zum Strand herunterschritt. -Wo ist mein Pferd-, rief sie und der Junge wieherte fr?hlich auf. -Huckepack-, gebot sie und er spürte die sch?nste Last seines Lebens auf seinen Schultern. Einen Augenblick stand er da und scharrte mit seinen Hufen. Womit k?nnte er Feinsliebchen glücklich machen? Ihm fiel der Mond ein, der des Nachts im Teiche schwimmt. Er dachte an den fauchenden Wind hinterm schr?gen Haus. Er spürte die ungeduldigen Schenkel von Feinsliebchen, welche die Welt erobern wollte.
So lie? er denn dunkle Wolken am Horizont sich auftürmen und Schlachtgetümmel drang zu ihnen herüber. Und Feinsliebchen schrie: -Auf nach Bosworth. Der K?nig braucht ein Pferd und ich ein K?nigreich!- Und da ihm heute alles verg?nnt war, wuchsen ihm Flügel und er flog wie Pegasus über Cornwalls weite Landschaft. Unten grüssten Riesen und warfen vor Freude Steine in die Luft. Jetzt stand er auf einem Hügel und Feinsliebchen suchte nach dem K?nig.
Doch der Junge dachte sich etwas anderes aus. Die Wolken brachen auf und der K?nig rief: -Einen K?nigreich für einen Regenschirm!- Miss Swandson, Lehrerin für Geschichte und Altenglisch, die jeden Morgen ihren gro?en Dichter mit Halleluja begrü?te, griff zum Stock. Doch Feinsliebchen lachte auf, streckte die Zunge heraus, gab dem Jungen die Sporen und verzichtete auf ein K?nigreich. Für einen Augenblick wollte er alleine sein. Er pustete den Himmel leer und blickte den M?wen nach, die ins Blau eintauchten, wie in ein unendliches Meer. Der Sand war warm und er rollte sich wie junge verspielte Katzen. Er war noch sie so glücklich gewesen.
Oben auf dem Sandhügel stand eine vornehme Dame aus der Stadt, und blickte gelangweilt zum Strand hinunter. -Schau mal, dieser Junge da-, sagte ihre kleine Tochter, die neben ihr stand. Die Mutter zuckte mit den Schultern. -Das ist eines von den Kindern hier. Komm! Das ist kein Umgang für uns.-
