Alle Jahre wieder

发布时间:2019-01-31 05:52:53

Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe. Alles ist wunderbar friedlich und voller Harmonie; man bekommt Dinge geschenkt, auf die man sein ganzes Leben gewartet hat, und auch sonst fühlt man sich einfach total besinnlich und feierlich. So dachte ich bis letztes Jahr auch.

Aus einer spontanen Idee heraus luden mein Mann und ich (also eigentlich mehr ich) meine Eltern samt Hund, meinen pubertierenden Bruder und die Schwiegereltern zu einem Festessen an Heiligabend mit nachfolgender Bescherung in unsere bescheidene Wohnung ein.

Dass mein Mann, als ich ihm davon erz?hlte, leichenblass wurde und sich erst mal einen Schnaps g?nnte, übersah ich gn?dig. Er wird schon noch merken, wie sch?n alles werden würde ... dachte ich.

Voller Elan fuhren wir vorher noch los, um einen sch?nen Weihnachtsbaum zu ergattern. Nicht dass ich da besonders w?hlerisch bin, aber ich denke schon, dass man seine Entscheidung nicht übereilen sollte.

W?hrend mein Mann sich auf die erstbeste, schiefgewachsene, verkrüppelte Tanne, deren Spitzen schon leicht br?unlich waren, stürzte: "Hier, die nehmen wir! Die ist OP-TI-MAL!", war ich da schon kritischer. Beim sechsten Weihnachtsbaum-Verkaufsstand (der übrigens auch schon der erste war), fand ich dann endlich mein Lieblingsb?umchen. Mein Mann schleppte es unter theatralischem Gest?hne (typisch: er hatte seine Handschuhe vergessen!) und dabei immer wieder Schmerzensschreie aussto?end zu unserem Wagen, wo er es umst?ndlich verstaute; leider so, dass sich die nadelige Spitze bei der Heimfahrt dauernd in meinen Nacken bohrte.

Ich glaube ja nicht, dass mein Mann das extra gemacht hat, aber er grinste schon sehr verd?chtig schadenfroh, als er bemerkte, wie ich immer wieder verstohlen meinen Nacken zu schützen versuchte. Na ja ... Dann war endlich der ersehnte Tag gekommen ... Heiligabend! W?hrend mein Mann noch im Bett lag, stand ich schon frühmorgens auf und fing an, das Essen zuzubereiten. Da merkte ich, dass ich leider ein entscheidendes Gewürz vergessen hatte, ohne das mein Braten zu 100 Prozent nicht gelingen würde. Aber wofür hat man denn einen Ehe-ma-hann? Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer und weckte ihn liebevoll, indem ich die Bettdecke herunterriss und trompetete: "Los, steh auf, du musst zu "Real"! Der Zettel liegt auf`m Tisch! Und was schneller, wenn’s geht!"

Die Kissen, die mir nachgeworfen wurden, und auch die Worte, mit denen ich, nicht gerade dem Tag angemessen, beschimpft wurde, prallten zum Glück wirkungslos an mir ab. Nun, es wurde Nachmittag, der Braten war gelungen, alles war festlich geschmückt, auch der Baum, und nun musste nur noch die liebe Familie auftauchen. Da, es klingelte. Die ersten waren meine Eltern samt meinem Bruder und Hund, der, kaum hatte er seine Pfoten in unsere Wohnung gesetzt, erst mal auf unseren Teppich kotzte ... pardon, brach (das Resultat war aber dasselbe).

Entsetzt starrte ich auf den gro?en, durch braune Br?ckchen aufgelockerten grünen Fleck, den mein Vater mit einem trockenen: "Die hat gerade Gras gefressen. Das kriegst du nicht mehr raus!" kommentierte. Aha. Schnell gab ich meinem, mit dem Würgreiz k?mpfenden Mann (M?nner!) Sagrotan und den Befehl, das doch bitte zu beseitigen. "Wieso denn ich? Ich hasse Hunde!", n?rgelte er vor sich hin, aber das überh?rte ich natürlich. Ich begrü?te meine Mutter, die gleich in die Küche stiefelte, um den Braten zu begutachten. "Na, ob der mal so gelungen ist?

Da hast du doch bestimmt den Honig vergessen, ohne Honig wird der nicht knusprig!" Ich fing an, leicht zu transpirieren. Ohne ihr zu antworten (sie kostete jetzt auch mit kritischer Miene die So?e, um anschlie?end stirnrunzelnd zu rufen: "Da fehlt das Wichtigste, der ZUCKER! Das ist DER Trick bei den Profis") ging ich zurück ins Wohnzimmer, wo ein lauter Tumult ausgebrochen war. Unser Hauskater verprügelte gerade mal wieder den Hund, der das aber nicht lange übel nahm und schnell wieder hinter dem Kater herlief. Der Hund glaubt wohl bis heute, dass eine Katze, deren Fell zu Berge steht, die buckelt und gef?hrlich faucht eigentlich damit sagen will: "Spiel mit mir!" Nun ja, dass dabei auch der Tannenbaum umkippte - was soll’s. Die Kugeln waren zwar teuer, aber - wer denkt bei einer so sch?nen Familienfeier schon ans Geld? (au?er mein Mann natürlich, der sehr genervt aussah). Meine Mutter würzte indessen eifrig nach. Mein Bruder war nirgends zu sehen. Ich fand ihn im Arbeitszimmer, wo er (von unserem Anschluss aus) telefonierte. Seine Gespr?chsfetzen konnte ich nicht so richtig deuten ("Ja, Babsi, dann sag mal, wie gro? deine Dinger sind!") aber die 0190-Nummer auf dem Display lie? mich Schlimmes ahnen, so dass ich kurzerhand das Gespr?ch unterbrach, auch wenn mein knallrot gewordener Bruder etwas von einem wichtigen Telefonat mit einem Schulfreund wegen einem Referat stammelte. Ich schob ihn gerade aus dem Zimmer, als es klingelte: Die Schwiegereltern! Ich drückte ihnen auf und stand in der Haustür, um sie zu empfangen.

Der Empfang gestaltete sich etwas kühler, als ich dachte, da mich meine Schwiegermama, die ich seit l?ngerer Zeit nicht mehr gesehen hatte, mit einem erfreutem: "Endlich! Endlich bekommen wir ein Enkelkind!" begrü?te und mir dabei verschw?rerisch über den Bauch strich. Der Schwiegervater horchte auf, und nahm mich mit einem: "Das ist ja toll, Elke!" in die Arme. Mein Gott, nur weil mein Mann und ich schon 8 Jahre zusammen sind, hei?t das doch noch nicht, dass er wissen muss, wie seine Schwiegertochter hei?t!

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