"Untersch?tzen Sie die Stasi nicht"
Das Leben der Anderen
Zu Hause, im Stadion, am Telefon, in der Post – überall war die Stasi pr?sent. Aber nicht im Kino. Erst 15 Jahre nach ihrer Aufl?sung wird dieser pr?gende Bestandteil der DDR im Spielfilm reflektiert. Hauptmann Gerd Wiesler wird auf den Dramatiker Georg Dreymann angesetzt. Der bis dahin funktionierende Spitzel entwickelt jedoch kritisches Denken und Gefühle für seine Opfer – eine Entwicklung also, die in der Realit?t vorgekommen sein mag, allerdings mit hohem Seltenheitswert.
Die ersten Bilder sind erschütternd: Sie zeigen, mit welchen Methoden Wiesler Verd?chtige in einem dunklen Verlies verh?rt. Wiesler arbeitet berechnend und pr?zise, w?hrend die Verh?rten weinen. Die Verh?rszenen werden allerdings immer wieder unterbrochen durch Bilder von Wieslers Seminaren an der Stasi-Hochschule. Hier erfahren die Studierenden (und das Kinopublikum) die Hintergründe der praktischen Arbeit. Es wird deutlich, dass Wiesler vom System der DDR überzeugt ist. Die Verh?re stehen für ihn im Dienst des Sozialismus, des gro?en Ganzen, an das er glaubt. In diesen Szenen und angesichts der Verwanzung einer Wohnung kommt zur Wut des Zuschauers auch Bewunderung für den Perfektionismus des Geheimdienstes, der mit CIA und Mossad als bester der Welt galt.
Als Wiesler, der bis dahin nur mit ?kleinen Fischen“ zu tun hatte, auf den popul?ren Dramatiker angesetzt wird, erf?hrt er erstmals, dass es nicht nur die Ideologie ist, die z?hlt, sondern vor allem Machtpolitik und Intrigen: Die Spitze des Staates ist karrieregeil, nicht ideologisch. Dreymann soll nicht der regelm??igen ideologischen Prüfung unterzogen, sondern m?glichst zu Fall gebracht werden, um die Karriere eines Politikers zu beflügeln. Ein Schlüsselerlebnis ist für Wiesler die N?tigung von Dreymanns Freundin, einer Künstlerin, durch den Kulturminister: Ausstellungserlaubnis gegen Sex. Der Spitzel wird kritisch gegenüber dem System und entwickelt sich zum Mitt?ter (nach DDR-Recht).
Das Gute im B?sen
Durch Ulrich Mühe wird die ungew?hnliche – und untypische – Geschichte eines Stasi-Spitzels für den Zuschauer vollkommen glaubwürdig erz?hlt. Es ist für den Zuschauer auch in Zeiten seiner Linientreue unm?glich, den Stasi-Mann, der seine Verh?rten in die Verzweiflung treibt, als grunds?tzlich schlechten Menschen zu verurteilen. Als ?Verr?ter“ seines Systems, der er wird, aber auch als Verh?r-Führer wirkt er nicht unsympathisch, sondern eher als guter Mensch, der am Anfang eben für eine Ideologie k?mpft, an die er glaubt.
Dies ist jedoch auch der einzige Punkt, der an dem Film kritisch betrachtet werden muss: Der Film stellt nicht eine Figur in den Vordergrund, die perfekt die Unterdrückung verk?rpert, sondern den Gutmenschen Wiesler. Diese Perspektive, die eine Verharmlosung darstellt, schw?cht den Film allerdings nicht entscheidend, denn das Klima der Unterdrückung ist nichtsdestotrotz allgegenw?rtig.
Realit?tsgetreue Dokumentationen über die Stasi gab und gibt es viele – im Fernsehen, in Büchern oder in Museen wie dem hervorragenden ?Museum in der ’Runden Ecke’“ in Leipzig. Ihr gemeinsames Problem ist ihre Reichweite. Dieser Film dagegen hat das Potenzial, eine Masse anzuziehen, und auch genau diejenigen Kinog?nger, die sich zuvor von der Ostalgie ergreifen lie?en.
Aussagen der Ostalgie-Filme unangetastet im Hintergrund
Ausnahmslos jeder Kinofilm, der die DDR im Rückblick thematisierte, malte ein rosarotes Bild der Ostalgie. Die ersten beiden Filme hatten noch einen gewissen Wert: ?Sonnenallee“ (1999) zeigt, dass im Osten eben nicht alles schlechter war als im Westen, wie viele Wessis in ihrer Sanierermentalit?t (Stichwort: ?Buschzulage“) glaubten. ?Helden wie wir“ hingegen ist schon wegen seiner satirischen Anspielungen auf Christa Wolf bedeutend und kann au?erdem als Versuch gesehen werden, den Mauerfall zu entmythisieren.
Seitdem herrschte Stillstand. Filme wie ?Good Bye Lenin“ oder ?NVA“ sind unterhaltsam und erfolgreich – mehr aber auch nicht. Die ostalgische Idee des ?menschlichen Ostens“ wurde einfach immer wieder neu variiert. Dies kann man als Indikator der Intensit?t der Verletzung der DDR-Bürger durch den Westen werten – oder aber als simple Methode, mit alten Rezepten Geld zu verdienen, denn die meisten dieser Ostalgie-Filme waren Kassenschlager. Wenn dann noch beliebte Privatsender Sendungen wie ?Die gro?e DDR-Show“ produzieren, ist es h?chste Zeit, ein massentaugliches Gegenmittel zu entwickeln. "Untersch?tzen Sie die Stasi nicht", hei?t es in "Das Leben der Anderen“.
Der Film besitzt die St?rke, die DDR nicht als Ganzes zu verteufeln. Viele Aussagen der Ostalgie-Filme l?sst er unangetastet, stellt sie aber in den Hintergrund des Unterdrückungssystems. Ein effizienteres Gegenmittel gegen die Ostalgie-überdosis als ?Das Leben der Anderen“ ist schwer vorstellbar.
Tobias Vetter
