"Weißt du, Joni, der alte Winburg ist gar nicht so ein harter Bursche, wie er selber immer geglaubt hat. Er hat schon sehr darunter gelitten, als er erfuhr, dass deine Eltern ums Leben kamen, doch zugegeben hätte er es um nichts in der Welt, nicht mal vor sich selber. Er hat sich verändert, der Gute, seid ihr wieder zurück seid. Und ich glaube, nicht zum Schlechten. Stell dir vor, was er gestern Abend sagte: Ganz egal, was es mich kostet, ich finde Elga und Massim!"
Die Tante stellte ein Teller mit Kuchenstücken auf den Tisch. Kuchen gabs bisher doch auch nie unter der Woche. Sie bemerkte seinen erstaunten Blick und lachte:
"Ja, ich sagte es dir doch. Mein lieber Winburg hat sich sehr zum Guten gewandelt. Er hat zu mir gesagt, wir hätten es nicht nötig, zu sparen, denn mitnehmen in die andere Welt könne niemand etwas. Unglaublich, was? So was aus seinem Mund zu hören. Aber er war stocknüchtern, als er so redete. Mir ist es recht. Weißt du, Joni, mein Mann ist einer der Reichsten in der Stadt, aber du hast es ja selber erlebt, wie geizig er war und wie einfach wir lebten. Ich finde, es schadet nicht, ein wenig zu prassen auf unsere alten Tage."
Wieder lachte sie.
Jedoch - auch wenn Winburgs Geiz verschwunden war, auch wenn er fast so etwas wie Wärme ausstrahlte - glücklich schien er nicht zu sein. Wenn er spät nach Hause kam, dann blieb er einsilbig und in seinem Blick lagen Hoffnungslosigkeit und Trauer. Joni spürte, dass sein Onkel verzweifelt etwas suchte, das er noch nicht gefunden hatte. Dann blieb er überhaupt drei Tage fort. Nicht einmal Tante Delma konnte sagen, wohin er gegangen war. Aber als er dann wieder auftauchte, staubig, durstig und verschwitzt von einem langen Ritt, hatte sich seine Stimmung geändert. Er kam in die große Eingangshalle seines Hauses, wo Joni und seine Tante an einem niedrigen Tisch saßen und plauderten, und rief:
"Joni, ich hab Neuigkeiten!"
Er wollte sich zu ihnen setzen, aber seine Frau stellte sich ihm in den Weg und schimpfte, aber ein Lachen klang dabei mit:
"Halt, mein Freund! Mit den schmutzigen Kleidern setzt du dich nicht auf das schöne Sofa! Und schau nur, wie dreckig deine Schuhe sind. Du hast es doch oft genug erwähnt, wieviel der Teppich gekostet hat, auf dem du nun stehst."
Da begann Winburg schallend zu lachen, drückte seiner verdutzten Frau einen lauten Schmatz auf die Stirn und verließ die Halle. Eine halbe Stunde später kam er zurück, gebadet, mit frischen Kleidern am Leib und einem Grinsen um die Lippen.
"Darf ich mich jetzt zu euch setzen?", fragte er. Joni staunte immer mehr. Wann sah er je den Onkel lächeln? Und vor einer halben Stunde hatte er sogar laut gelacht. Unfassbar. Winburg selbst schien seine eigene Wandlung nicht aufzufallen, und ganz offensichtlich fühlte er sich nicht unwohl, so als neuer Mensch. Er schenkte Wein für alle drei ein - auch etwas, das es in diesem Hause früher nicht gab - und dann sagte er:
"Ich war beim Zauberer auf dem Krähenberg!"
Seine Frau stieß einen leisen Schrei des Erschreckens aus. Der alte Magier, der dort oben in der Einschicht des Berges hauste, galt als verschroben und unzugänglich. Ihn suchte man nur dann auf, wenn von keiner anderen Seite mehr Hilfe zu erhoffen stand. Insgeheim bewunderte Joni seinen Onkel für den Mut und die Überwindung, welche ihn solch ein Gang gekostet haben musste. Elga, wieder zu Fassung gekommen, weil sie ja mit eigenen Augen sehen konnte, dass ihrem Mann nichts passiert war, fragte:
"Na und, hast du was erfahren?"
"Und ob", antwortete ihr Winburg, und zu Joni gewandt, fuhr er fort:
"Es scheint diese Blumenelfen wirklich zu geben."
Joni musste lächeln:
"Onkel Winburg, es scheint sie nicht nur zu geben, es GIBT sie tatsächlich! Ich habe sie oft genug getroffen, aber mir wollte ja keiner glauben."
"Na gut", sprach der Onkel besänftigend, "du hast also immer recht gehabt. Ich bin jetzt auch geneigt, deinen Hirngesp - ich wollte sagen, deinen Worten Glauben zu schenken. Aber nur um herauszufinden, ob du spinnst oder die Wahrheit sagst, hab ich den schweren Weg auf den Krähenberg nicht unternommen. Ich musste etwas über diese Elfen herausfinden, etwas, das uns weiterhelfen kann."
Jetzt war Joni gespannt auf die nächsten Worte seines Vormunds. Der nahm einen guten Schluck und erzählte dann:
"Ich sag euch was, der Zauberer ist schon ein komischer Kauz. Jedoch leider nicht komisch genug, um nicht den Wert eines Goldstückes zu kennen. Aber er besitzt ein uraltes Wissen um Dinge, die ich mir nie im Leben hätte träumen lassen. Hab eine Menge über die seltsamsten Wesen erfahren, von deren Existenz ich nicht einmal gehört habe. Auf alle Fälle wusste er einiges über das Elfenvolk. Hast du gewusst, Joni, dass die Blumenelfen eigentlich keine richtigen Elfen sind?"
Joni nickte nur. Klar wusste er das, die kleinen Geschöpfe hatten ihm in all den Jahren viel erzählt. Aber nicht alles, wie er sogleich erfahren sollte. Denn Winburg sprach weiter:"Dachte mir, dass du es weißt. Wo war ich stehen geblieben? Ah, bei dem Elfenvolk. Gut, man nennt sie Blumenelfen, jedoch mit den großen Waldelfen, wie es sie angeblich weiter im Westen noch gibt, haben sie nichts gemein."
Auf einmal wurde seine Stimme leise und düster:
"Sag mal, Joni, weißt du auch etwas über die Blutelfen?"
Joni erschrak. Nicht, dass er dieses Wort je vernommen hätte. Aber das Wort selber war es, das ihn zusammenzucken machte. Blutelfen - ein schauriges, schlimmes Wort. An seinem Gesichtsausdruck sah Winburg genug, um weiterzureden:
"Ist dir neu, was? Jetzt hört mir mal genau zu. Der Zauberer sagte etwa folgendes - im übrigen hab ich alles, Wort für Wort aufgeschrieben: Die Blumenelfen sind freundliche, lustige Geschöpfe, die zwar manchmal gerne Schabernack treiben, aber niemandem ein Leid antun. Im Gegenteil, sie warnen jene Menschen, die in der Lage sind, sie zu erblicken, vor Unwetter oder Erdbeben."
Joni unterbrach ihn:
"So wie sie es bei meinem Vater taten, stimmts?"
Winburgs Stimme war noch eine Spur düsterer geworden:
"Nein, deinen Vater warnten sie - vor sich selber!"
Ein zweites Mal erschrak Joni, diesmal noch heftiger. Er wollte etwas fragen, doch sein Onkel ließ ihm keine Zeit. Er fuhr fort:
"Ja, sie warnten ihn vor sich selber, genauer gesagt, vor ihren Kindern. Denn, wenn der Magier nicht gelogen hat, dann trug sich folgendes zu: Die Blumenelfen sind langlebige Wesen. Etwa alle drei- bis vierhundert Jahre bekommen sie Nachwuchs. Ihre Kinder kommen im Frühjahr zur Welt, wenn die Elfen ihre Winterquartiere tief im Erdboden verlassen. Blumenelfen können die Kälte nicht ertragen und meist verwenden sie verlassene Maulwurfbaue, um sich dort gemütlich einzurichten. Angeblich züchten sie in den Gängen und Kammern eine Art Pilz, dessen Früchte langsam vermodern und dabei Wärme abgeben. Ihre Kinder jedoch führen in den ersten Wochen ein eigenartiges Leben. Zuerst werden sie von ihren Eltern mit Nektar gefüttert, dann aber geht eine Verwandlung in ihnen vor. Sie wachsen sehr rasch, und kurz bevor sie die Größe ihrer Eltern erreicht haben, und um ihre Entwicklung abzuschließen, brauchen sie menschliches Blut."
Wieder ein spitzer Schrei von Tante Delma. Joni gruselte es auf einmal. Er hauchte:
"Das sind die Blutelfen, habe ich recht, Onkel?"
Der nickte und erst nach einer längeren Pause hörte man wieder seine Stimme:
"Ja, das sind die Blutelfen. Sie haben die Leute aus deinem Dorf getötet. Warum sie deine Eltern gewarnt haben, das weiß ich nicht. Der Zauberer meinte, es läge wohl daran, dass du der Freund der Elfen warst und sie deswegen die Deinen verschonen wollten. Aber wieso dein Vater sie sehen und hören konnte, ich weiß es nicht. Der Zauberer meinte noch, dass es das Gesetz der Elfen - oder gar ein Fluch, der auf ihnen lastet - verlange, von dort für immer fortzugehen, wo ihre Kinder den Tod unter uns Menschen brachten. Wohin sie allerdings gingen, vermochte er mir nicht zu sagen. Aber noch was erfuhr ich. Joni, die Elfen auf eurer Wiese, das war das ganze Volk. Nirgendwo sonst auf der Welt leben andere von ihnen. Das kommt mir schon seltsam vor."
Joni nicht, und er sagte:
"Was ist daran seltsam. Onkel? Ich hab sie nie gezählt und auch nicht danach gefragt, aber es müssen viele Tausende von ihnen dort gewesen sein. Vergiss bitte nicht, dass sie winzig klein sind. Vaters Wiese neben dem Bach war, nach ihren Maßstäben gemessen, ein riesiger Kontinent. Ich hab das übrigens gewusst, dass man sie sonst nirgends trifft. Und natürlich auch selber gesehen. Alle anderen Wiesen weit und breit waren elfenfrei."
Winburg tat sich noch immer schwer, all das zu fassen. Er fragte Joni:
"Aber warum lebten sie ausgerechnet hinter eurem Haus?"
"Auch das weiß ich, Onkel. Zum einen brauchen sie zum Leben Wiesen, die selten gemäht werden. Unsere war so steinig, dass Vater sie nur im Herbst mähte. Meine Mutter war froh darüber, hatte sie doch das ganze Jahr über stets frische Blumen. Außerdem sagten sie mir einmal, dass in den Jahrhunderten, die sie hier waren, sie immer auf Mitglieder unserer Familie trafen, die sie sehen und hören konnten."
"Du meinst sicher EURER Familie!", korrigierte ihn Winburg, der mit solcherlei Begabung nicht gerne in Verbindung gebracht wurde. Überhaupt, seit ihm eines klar geworden war: Wenn sein Bruder Massim mit den Elfen reden konnte, dann am Ende auch er. Aber das wollte er um keinen Preis erleben. Ja, er fürchtete sich sogar davor, den Blumenelfen zu begegnen. Einer der Gründe, warum er so rasch aus Jonis Dorf abgereist war, nachdem er Massims Brief las. Der arme Winburg hatte sein Lebtag mit Zahlen zu tun gehabt. Das war etwas Greifbares. Ein verdientes Goldstück konnte man in die Hand nehmen. Dieser Elfenzauber, das war so fremd für ihn, dass er wirklich Angst hatte, sich darauf einzulassen. Aber es ging nicht mehr um ihn, es ging um seinen Bruder, den er immer geliebt hatte. Wie sehr, das war ihm erst klar geworden, als ihm von seinem Tod Kunde gebracht wurde."Was tun wir nun?", wollte Joni wissen. Onkel Winburg zuckte mit den Achseln und meinte:
"Nachdenken, und abwarten. Ehe wir nicht mehr wissen, macht es keinen Sinn, loszuziehen und deine Eltern zu suchen. Wer weiß, ob sie noch immer mit den Elfen zusammen sind? Und ich hoffe inständig, ihnen ist nichts zugestoßen auf der Wanderung. Am Ende haben wir Glück und sie kommen hierher, ehe wir uns auf die Suche machen."
"Dann willst du wirklich gehen?", fragte seine Frau, und ihre Stimme zitterte ein wenig dabei.
"Delma, ich MUSS, das bin ich Massim und Elga schuldig. Und du, Joni, wirst mich begleiten müssen. Da du der Einzige bist, der die Elfen sehen kann, brauche ich dich an meiner Seite!"
Damit erhob er sich und zog sich mit der Bemerkung, dass er müde von der langen Reise sei, zurück. Joni und seine Tante blickten sich an. Keiner sagte ein Wort.
Joni fieberte von nun an dem Aufbruch entgegen. Jedoch sollte seine Geduld auf eine harte Probe gestellt werden. Onkel Winburg schien mit allem Möglichen beschäftigt zu sein, nur nicht mit den Reisevorbereitungen. Zwei Wochen und ein Tag waren verstrichen, seit er vom Krähenberg heimgekehrt war, als der Zufall in die Geschichte eingriff. Joni saß in der Halle und blätterte lustlos in einem Buch über Fabelwesen, welches Winburg aus der Bibliothek mitgebracht hatte. Sein Onkel stand an der Türe, fertig angezogen, um auszugehen. Wohin, das hatte er nicht erwähnt. Da vernahm man draußen das langsame Klappern von Pferdehufen. Der Onkel ging hinaus, gerade als der Reiter am Haus vorüberkam. Joni hörte, wie das Pferd stehen blieb und durch die offenen Fenster zur Straße vernahm er eine laute Stimme:
"Entschuldigt, guter Mann, dass ich Euch aufhalte, aber könnt Ihr mir sagen, wo ich eine anständige Herberge finden kann?"
Diese Frage musste Winburg gegolten haben, denn Joni hörte ihn sagen:
"Eine Herberge sucht Ihr? Ihr scheint von weit her zu kommen, guter Ritter ..."
Mehr brauchte Joni nicht zu hören. Ein Ritter! Den musste er sehen. Darum warf er das Buch achtlos auf den Tisch, sprang auf und trat an eines der Fenster. Er schaute hinaus. Er sah ein riesiges, fuchsbraunes Pferd, das nervös mit dem langen Schweif schlug, um die lästigen Fliegen zu verscheuchen. Auf dem Tier saß eine Gestalt, die so eindrucksvoll war, dass Joni einen leisen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken konnte. Er sah einen Mann mittleren Alters, großgewachsen und kräftig. Langes, blondes Haar quoll unter dem Helm hervor. Ein kantiges Gesicht hatte sich seinem Onkel zugewandt. Joni schaute in dunkelgraue Augen, sah eine große Nase, über welche quer eine dünne Narbe lief und merkte, dass der Mann schlecht rasiert war, aber gewöhnlich keinen Bart trug. Seine Haut war braungebrannt wie bei einem, der die meiste Zeit seines Lebens im Freien verbringt. Wams und Beinkleid waren, der Jahreszeit entsprechend, recht dünn und die Brust bedeckte ein lederner Harnisch. In der Rechten hielt er eine Lanze, die kurz genug war, um sie auch als Speer einzusetzen. Ein langes, breites Schwert hing an seiner Hüfte und ein runder Schild war mittels eines Lederriemens auf den Rücken des Ritters geschnallt. Dieser sagte soeben:
"Verzeiht mir, guter Mann, dass ich Euch belästige, ohne mich erst vorgestellt zu haben. Ich bin Orlan von Shang, einer Stadt weit von hier im Westen. Als fahrender Ritter ziehe ich durch die Lande auf der Suche nach Abenteuern. Ich will versuchen, hier in dieser Stadt am Fürstenhof Arbeit zu bekommen. Doch mein gutes Tier und ich haben einen weiten Weg hinter uns und das, was wir am dringendsten brauchen, sind ein Stall und ein Bett. Darum erlaubt mir, dass ich meine Frage noch einmal stelle!"
Wann hatte Joni zuletzt so einen Recken gesehen? Die Zeiten waren friedlich, und die Ritter aus des Fürsten Gefolge kannte er alle. Keiner war so wie dieser, so, so, er fand den passenden Ausdruck nicht. Helwald war ein wenig an den Rand des Reiches gerückt, seit der König nicht mehr hier residierte. Wirkliche Helden konnte man in Angmor treffen. Darum war das Erscheinen dieses Mannes eine Sensation - zumindest für den Jungen. Wie von weit weg vernahm er seines Onkels Stimme, doch als er den Sinn der Worte erfasste, ließ er das Nachdenken und hörte wieder aufmerksam zu:
