德语故事:Geschichten von Herrmann(2)

发布时间:2019-01-31 06:02:59

"Tschüss", sagt Ralph. Noch missmutiger stapft er weiter. Jetzt muss er den Bus auch noch nehmen. Das Essen bei Oma Moni muntert ihn nicht auf. Sie kocht so fade Sachen. Und Ralph muss immer noch mit dem Kinderbesteck essen, obwohl er schon sieben ist. Am liebsten würde sie ihm wohl noch das Lätzchen mit den Rüschen umbinden. Nach zwei Partien Memory schafft es Ralph, sich zu verabschieden. Obwohl er zuhause eigentlich auch nichts Besseres zu tun hat. Seine Nachmittage verbringt er vor dem Fernseher. Ralph öffnet den Kühlschrank. Bewaffnet mit einer Dose Cola, zwei Packungen Vanillepudding und einem übrigen Stück Pizza macht er es sich vor dem Fernseher bequem.Da klingelt sein Handy. Das wird wohl wieder Mama sein. Sie ruft immer am Nachmittag an. Um ihn zu ermahnen, nicht zu viel fern zu sehen und nicht zu viel zu essen. "Hallo", sagt Ralph. "Die Sonne scheint", sagt eine unbekannte Stimme. Willst du nicht ein bisschen rauskommen?" Ralph zögert. "Und nimm Nives mit", redet der Unbekannte weiter. "der Hund braucht auch mal Auslauf, er ist sowieso zu dick." "Ich komme", sagt Ralph. Er schnappt sich seine Jacke, hängt Nives an die Leine und rennt die Treppe hinunter. Unten ist niemand. "Da hat mich wohl jemand auf den Arm genommen", schimpft Ralph und will wieder hochgehen. "Hier bin ich", hört er da. Auf der zweiten Treppenstufe sitz ein kleiner Mann und baumelt mit den Beinen." "Gerade mager bist du auch nicht", entschlüpft es Ralph. Als er Herrmanns beleidigtes Gesicht sieht, sagt er schnell:" Also los, wohin soll es gehen?" "Nimm mich hoch", befiehlt Herrmann. In Ralphs Jackentasche sitzend, sagt er ihm den Weg an. Die Straße rauf, an der Kreuzung nach rechts... immer weiter. So weit ist Ralph schon lange nicht mehr gegangen. Nives keucht neben ihm her. Endlich kommen sie zu einem Fußballfeld. Ralph erkennt ein paar Jungs aus seiner Klasse. Hier also treffen sie sich jeden Nachmittag. Er will wieder umdrehen, die brauchen ihn ja doch nicht. "Hallo Ralph", ruft Hannes. "Schön, dass du auch mal kommst. Magst du mitspielen?" Und schon ist Ralph mittendrin. Dass sein Handy läutet, hört er gar nicht mehr.Vom Anderssein   Heute herrscht in der Klasse große Aufregung. Lehrerin Carmen hat den Kindern eine Mitteilung gemacht. "Ihr bekommt eine neue Mitschülerin", hat sie gesagt. "Ich habe es gerade erst erfahren. Das Mädchen heißt Milica. In ihrem Land gibt es kaum Arbeit. Deshalb wollen es ihre Eltern bei uns versuchen." "Eine Zigeunerin", wird sie von Ralph unterbrochen. "Zigeuner sind Gesindel", sagt Tamara ernst. "Das weiß ich von Papa." "Sie stehlen alles, sogar Kinder", macht sich Ruth wichtig. "Sie wird uns alles aus der Schultasche klauen." "Und unsere Eltern bestrafen uns dann dafür", rufen die Kinder durcheinander. Es klopft an die Tür. In dem Tumult hört es keiner. Plötzlich geht sie auf. Zuerst sehen die Kinder den kleinen Mann gar nicht. Doch dann ruft Hannes: "Das ist Herrmann!" Sofort sagt Ralph: "Ich kenne ihn auch." Bewundernd schauen die anderen Kinder die beiden an. Herrmann klettert auf das Pult der Lehrerin. Das geht gar nicht so leicht. In der Klasse ist es mucksmäuschenstill. "Glaubt ihr, dass ich böse bin?", fragt Herrmann, als er es sich endlich bequem gemacht hat. Verwundert verneinen die Kinder. "Glaubt ihr, dass ich alten Damen die Handtasche wegreiße? Oder eure Fahrräder stehle? Oder dass ich kleine Hunde brate?" Die Kinder kichern. "Warum solltest du?", fragt Hannes. "Ja, warum sollte ich", überlegt Herrmann. "Vielleicht weil ich anders bin, als ihr." "So ein Blödsinn", verteidigt ihn Ralph. "Du bist nicht anders. Nur kleiner." "Und dicker", murmelt Ruth. Wieder müssen die Kinder lachen. "Warum denkt ihr dann so schlecht von Milica?", fängt Herrmann wieder an. Ein bisschen beleidigt ist er schon. Ihn als dick zu bezeichnen. Er ist höchstens stattlich. Und das geziemt sich ja auch für einen Herrn seines Alters. "Sie ist ein ganz normales Kind. Und sicher nicht dicker als ihr." Diesen kleinen Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen. Er öffnet seinen Rucksack. Nach einigem Kramen zieht er ein Foto heraus. Darauf ist ein hübsches Mädchen zu sehen. Es hat braune Haare und große, braune Augen. "Milica hatte in ihrem Leben einfach weniger Glück als ihr. Ihr müsst euch vorstellen, dass es für sie sicher nicht leicht war, ihre Heimat zu verlassen. Hier ist alles fremd. Doch ihre Familie ist arm, der Vater muss außerdem noch Geld an seine alten Eltern schicken. Stellt euch vor, Milica besitzt nur ein Paar Schuhe." "Überlegt mal, wie viele Paar Schuhe ihr selber habt", mischt sich da die Lehrerin ein. Die Kinder denken angestrengt nach: Turnschuhe, Sandalen, Sonntagsschuhe. Regenstiefel. Und Schischuhe und Schlittschuhe."Ich könnte ihr ein paar Schuhe schenken", überlegt Lukas. Sein Vater hat ein Schuhgeschäft. "Und ich könnte ihr meine alte Jacke bringen", meint Christa. "Mir ist sie eh zu klein." Eifrig machen die Kinder Pläne. Bis es zur großen Pause läutet, will fast jeder etwas bringen. Am nächsten Tag sind alle ein bisschen früher da.   In der Leseecke stapeln sich die mitgebrachten Sachen. Da sind Schuhe aus dem Geschäft von Lukas Vater, zwei schöne Pullover, Christas alte Jacke. Einige Kinder haben Spielsachen mitgebracht. Ruth hat sogar ihre Prinzessinnen-Bettwäsche geopfert. Alle sind sehr gespannt auf das neue Mädchen. Lehrerin Carmen kommt in die Klasse. An der Hand hält sie Milica. Die sieht lieb aus, nur ein bisschen schüchtern. "Hallo", sagt sie. Dabei hält sie etwas in der Hand. Hannes könnte wetten, dass es etwas Grünglitzerndes ist. Draußen auf der Fensterbank sitzt Herrmann. "Das habe ich mal wieder prima hingekriegt", murmelt er stolz. Sein Magen knurrt. Er hat sich entschlossen, eine Diät zu machen.
Träumen kann man auch zu zweit   "Ruth", ruft Mama. Bringst du bitte heute die Milch zu Frau Brunner rüber? Und red ein bisschen mit ihr, die Frau ist einsam." Ruth übt gerade für die Ballettvorführung am Samstag. Da darf sie alleine vortanzen. Sie freut sich fürchterlich. Und sie ist fürchterlich aufgeregt. In jeder freien Minute probiert sie die Tanzschritte durch. Vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen und sogar in der Schule übt sie im Kopf. Mamas Auftrag passt ihr gar nicht. Sie fürchtet sich ein bisschen vor der alten Frau. Außerdem riecht es seltsam bei ihr. "Ruth", ruft Mama wieder. "Ich muss Anna vom Kindergarten holen. Danach gehe ich noch einkaufen. Bitte tu, was ich dir sage!" Ruth tanzt weiter. Sie ist eine berühmte Ballerina, alle Menschen jubeln ihr zu. Sie vergisst alles um sich herum. Lange Zeit später holt sie sich Orangensaft aus dem Kühlschrank. Da fällt ihr die Milch ein. Ob sie es einfach vergessen soll? Dann muss Mama halt später zu Frau Brunner rüber gehen. "Ich komme mit dir", sagt Herrmann. Er sitzt im Kühlschrank. Natürlich. Ein bisschen kalt ist es da schon, aber der Schinken hat ihn zu sehr gelockt. Zögernd klingelt Ruth bei der Nachbarin. Das Namenschild auf der Tür ist ganz verblasst.Langsam öffnet sich die Tür. Die Frau sieht wirklich ein wenig wie eine Hexe aus. Sie hat lange, graue Haare. Ihre Arme und ihr Gesicht sind voller Runzeln. Finger und Armgelenke sind mit Schmuck behängt. Um den Hals hat sie sich ein violettes Tuch geschwungen. "Bringst du mir endlich meine Milch. Ich habe schon geglaubt, ihr hättet mich vergessen", jammert sie. "Meine armen Katzen haben großen Hunger." Ruth liegt schon eine schnippische Antwort auf der Zunge. Aber Herrmann stupst sie sanft. Da sagt sie: "Tut mir leid, Frau Brunner. Ich habe die Zeit vergessen. Am Samstag habe ich eine Ballettvorführung. Dafür muss ich noch üben. Wissen Sie, ich darf alleine vortanzen." Ruth gerät ins Schwärmen."Ich tanze nämlich für mein Leben gern." "Du interessiert dich fürs Ballett?", fragt Frau Brunner. Komm herein, mein Kind. Ich möchte dir etwas zeigen." Ruth folgt Frau Brunner in den düstern Gang. Die Alte führt sie in ein großes Zimmer. Neugierig schaut Ruth sich um. Dicht Vorhänge sperren jeden Sonnenstrahl aus. Der Raum ist mit schweren dunklen Möbeln und dicken Teppichen ausgestopft. Staub liegt überall. Auf der Couch und den Teppichen räkeln sich sechs Katzen. An der Wand hängen unzählige Fotos. Alle zeigen eine junge Frau in verschiedenen Tanzstellungen. "Schau dir die Bilder ruhig an", sagt Frau Brunner. "Das bin ich, in meiner Jugend. Ich war eine der besten Ballerinas aller Zeiten." In Ruths Jackentasche fängt Herrmann zu kichern an. Diesmal bekommt er einen Stups. "Schau Kind, zu jedem Foto kann ich dir etwas erzählen." Lange Zeit fachsimpeln die beiden über Schritte und Sprünge beim Ballett. Arabesque, Attitude, Grand Écart... Frau Brunner bekommt vor Freude rote Wangen. Sie kann sich an all ihre großen Momente erinnern. Es ist, als ob sie ihre Vergangenheit noch einmal erleben würde. Auch Ruth fühlt sich wohl. Endlich hat sie jemand gefunden, der ihre Leidenschaft teilt. Endlich kann sie von ihrem Traum erzählen, eine große Ballerina zu werden. Weil Frau Brunner sie versteht. Herrmann hingegen ist eingeschlafen.   Monster im Schrank   Zum dritten Mal erscheint Lukas im Wohnzimmer. Er sollte schon seit über einer Stunde schlafen. Papa wird zornig: "Wenn du jetzt nicht innerhalb einer Viertelstunde schläfst, ist unser Ausflug morgen gestrichen!" Ziemlich unsanft packt er seinen Sohn am Arm und befördert ihn ins Zimmer zurück. "Im Kleiderschrank sind keine Monster. Und auch keine Hexen, keine wilden Tiere.Keine fleischfressenden Pflanzen. Nichts dergleichen. Wir haben ja nachgesehen." Das haben sie wirklich. Im Kasten liegen nur Lukas Hosen, seine Pullover und die Unterwäsche. Alles ordentlich zusammengefaltet. Außerdem noch ganz unten die Puppe, die er seiner Schwester versteckt hat. Aber Lukas weiß, dass im Schrank wilde Wesen wohnen. Sie warten, bis er eingeschlafen ist. Dann werden sie munter. Wieder liegt Lukas im Bett. Papa hat ihn zugedeckt und ihm seinen Teddy in die Hand gedrückt. "Dein Sohn sieht zu viel fern", hört er ihn zu Mama sagen. Lukas liegt ganz still. Sein Herz klopft laut. Durch den Vorhang sickert das Licht der Straßenlaternen. Wenn ein Auto vorbeifährt, wird es für kurze Zeit heller im Zimmer. Schatten tanzen an der Decke. Lukas hört seinen Atem. Er bemüht sich, ganz leise Luft zu holen. Gerne würde er noch einmal aufstehen, aber Papa versteht ihn nicht. Wenn Lukas so groß und so stark wäre, hätte er auch keine Angst. Ganz sicher ist er sich allerdings nicht. "Wenn bloß Herrmann da wäre", denkt er plötzlich. "Ob ich ihn rufen soll?" Aber Herrmann ist schon da. Er sitzt auf dem Nachtkästchen. "Verjag du die Monster", bittet Lukas. "Das kann ich nicht", sagt Herrmann. "Ich kann nicht in deine Träume. Aber ich habe etwas für dich." Aus seinem Rucksack zieht er einen kleinen Schlüssel. Er glänzt silbern im Mondlicht. Lukas ist enttäuscht.
Ein Schlüssel. Er hätte sich eine Zauberwaffe erwartet. Etwas Großes und Gefährliches um den Monstern den Garaus zu machen. "Der Schlüssel hat Zauberkräfte", sagt Herrmann. "Er kann die Gestalten wegschließen. Aber nur du hast die Macht dazu, weil die Wesen in deinen Träumen wohnen. Du musst ganz mutig sein." Lukas will nicht einschlafen. Aber im Bett ist es warm und gemütlich. Herrmann hält seine Hand. Nach einiger Zeit schläft Lukas ein. Er träumt. Vom Kleiderschrank her hört er leise Geräusche. Tapfer steigt Lukas aus dem Bett. Auf nackten Füßen tapst er zum Kasten. Er steckt den Schlüssel in das Schloss und will ihn herumdrehen. Doch plötzlich zögert er. Eigentlich könnte er die Monster schnell anschauen.Er hat ja einen Schlüssel, um sie einzusperren. Die Tür öffnet sich mit einem leichten Quietschen. Lukas Herz klopft laut. Im Schrank sitzt nur die Puppe und lächelt ihn an. Den Rest der Nacht schläft Lukas tief und traumlos weiter. Am nächsten Abend wundern sich die Eltern, dass Lukas kein einziges Mal ins Wohnzimmer kommt. "Ich hab ja gewusst, dass es bloß eine Marotte war. Solchen Launen darf man nur nicht nachgeben", sagt Papa zufrieden und greift nach der Fernbedienung.   Wenn sich Eltern streiten   Christa versteckt sich. Zwischen Bett und Kommode ist ein ganz kleines Plätzchen, wo sie sich verkriechen kann. Das tut sie immer, wenn Mama und Papa streiten. Und das passiert in letzter Zeit immer öfter. Die lauten Stimmen dringen nur gedämpft zu ihr durch. Wenn Christa sich die Ohren zuhält, hört sie gar nichts mehr. Da spürt sie eine Bewegung an ihrem Knie. "Hallo Christa", sagt Herrmann. "Darf ich zu dir kommen?" Christa nickt. "Dann eben nicht!", hört sie Papa jetzt schreien. Die Eingangstür fällt ins Schloss. "Du brauchst gar nicht mehr zurückzukommen!", ruft ihm Mama wütend nach. Christa beginnt am ganzen Körper zu zittern. "Was ist bloß los?", fragt sie. Herrmann streichelt sie ganz sanft. Im Moment weiß er nicht, was er sagen soll. Und das kommt bei ihm nicht oft vor. "Hast du nicht ein Zaubermittel für meine Eltern?", fragt Christa. "Damit sie sich wieder verstehen." "Einen so mächtigen Zauber besitze ich nicht", bedauert Herrmann. Aber Christa schaut ihn so flehend an, dass er trotzdem seinen Rucksack ausleert. Da ist der grüne Zauberstein gegen die Angst. Den drückt er Christa schon mal in die Hand. Dann ist da der Spiegel mit den guten Erinnerungen. "Der wäre vielleicht das Richtige für Mama und Papa", hofft Christa. Herrmann verneint. Christas Eltern haben zusammen wenig gute Erinnerungen. Beide waren noch sehr jung, als Christa auf die Welt kam. Für beide war es eine schwierige Zeit. Papa musste sehr viel arbeiten, damit sie über die Runden kamen, Mama war viel allein mit dem Kind. Jetzt hat Papa das Angebot erhalten, für einige Zeit in einem anderen Land zu arbeiten. Und Mama fühlt sich wieder alleingelassen. All das weiß Christa nicht.Herrmann findet, dass es die Aufgabe ihrer Eltern wäre, ihr alles zu erklären. Deshalb sagt er nichts. Er steckt den Spiegel wieder in den Rucksack. Ganz unten ist noch der Schlüssel, mit dem man schlechte Träume wegsperren kann. Christa träumt aber nicht. "Was soll ich bloß machen, wenn sie sich nie mehr verstehen?" Das Wort "Scheidung" mag sie gar nicht aussprechen. "Manchmal kommen Menschen nicht mehr miteinander zurecht", sagt Herrmann. "Das ändert aber gar nichts daran, dass dich beide sehr lieb haben." "Wenn sie mich gern hätten, würden sie sich niemals trennen", meint Christa trotzig. "Eben doch", sagt Herrmann. "Stell dir vor, das geht so weiter, bis du erwachsen bist. Du kannst dich nicht immer verstecken, irgendwann wirst du für dein geheimes Nest zu groß. Die ewigen Streitereien musst ja auch du aushalten." "Aber wir wären dann ja keine richtige Familie mehr", wendet Christa ein. "Ich zeig dir was", sagt Herrmann munter. Jetzt hat er unter all den Dingen im Rucksack doch etwas für Christa gefunden. Wie ein Zauberer zieht er ein Päckchen Karten heraus. Christa schaut sich die Karten an. Sie sieht eine Mama mit einem Kind. Sie sieht einen Papa mit zwei Kindern. Sie sieht eine Mama mit ihrem Sohn und ihrem neuen Freund. Sie sieht einen Vater mit Zwillingen und seiner neuen Freundin. Deren Tochter ist auch noch auf dem Bild. Sie sieht eine Oma mit zwei Kindern, sie sieht Onkel und Tanten mit Kindern, Kinder mit Geschwistern, Halbgeschwistern, Stiefvätern, Stiefmüttern. Und sie sieht viele Kinder, die mit den Menschen, bei denen sie wohnen, gar nicht verwandt sind. "Es gibt unzählige Familien", sagt Herrmann. "Alle sind verschieden. Und alle sind richtig. Und genauso ist deine Familie immer eine richtige Familie. Ganz egal ob deine Eltern zusammenbleiben, oder ob sie sich trennen." Herrmann kratzt sich am Kopf. "Vielleicht sind deine Eltern glücklicher, wenn sie alleine weiterleben." Christa muss über all das nachdenken. Vielleicht hat Herrmann ja Recht. So richtig gemütlich war es bei ihnen nie. Und in letzter Zeit kam es ihr so vor, als hätten die Eltern sie über ihren Streitigkeiten ganz vergessen. Ralph aus ihrer Klasse lebt auch mit seiner Mutter. Nach den Osterferien hat er vom Besuch bei seinem Papa erzählt. Und da haben ihn alle ein bisschen um seine zwei Kinderzimmer beneidet. Vor allem Simon, der mit seinen beiden jüngeren Brüdern das Zimmer teilen muss. Am nächsten Tag klopft Mama an Christas Tür. "Kommst du mal, Liebes", bittet sie. "Wir müssen mit dir reden." Das Herz klopft Christa bis zum Hals. Aber als sie in die ängstlichen Gesichter ihrer Eltern blickt, erkennt sie die Liebe, die sie umgibt. Beide machen sich große Sorgen, wie Christa die Neuigkeit aufnehmen wird. "Ich weiß schon", sagt Christa tapfer. "Ihr werdet euch trennen. Manchmal ist es das Beste." Verwundert schauen die Eltern sie an. Würdevoll dreht Christa sich um und schließt ihre Zimmertür hinter sich. Sie weiß, dass sie noch oft weinen wird. Aber dann wird Herrmann da sein, und ihr zuhören. Und ihr von all den verschiedenen Familien erzählen, die es auf der Welt gibt. Das geht die Eltern aber nichts an. Sie haben ja auch nie mit Christa geredet. Christa war die Letzte, die Herrmann gesehen hat. Wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Aber wenn ich mal wieder etwas über ihn höre, werde ich euch davon erzählen. Versprochen.
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