Ich möchte euch eine Geschichte erzählen.
Die Geschichte von Herrmann, einem kleinem Mann.
Niemand weiß, wo er herkam. Eines Tages war er da. Ob er ein Heinzelmann war, ein Kobold oder einfach ein ganz kleiner Mann, ist auch nicht bekannt.
Viele Kinder haben ihn gesehen, von ihnen habe ich erfahren, dass Herrmann für einige Zeit in ihrer Stadt war.
Der Ernst des Lebens
Papa gibt Hannes einen Kuss auf die Wange. "Schlaf gut, kleiner Mann", sagt er, "morgen beginnt der Ernst des Lebens für dich."
Hannes will nicht fragen, was das heißt. Ein Schulkind muss das sicher wissen.
Hannes kennt nur einen Ernst. Der ist lang und dünn und mag keine Kinder.
Einmal hat Hannes einen Ball in seinen Garten geschossen. Er hat sich nie getraut, ihn zurückzuholen.
Hannes freut sich nicht auf die Schule. Im Kindergarten kennt er sich aus.
Er weiß, wo die Spiele sind, er mag die Erzieherinnen.
Und außerdem kann er von allen Kindern am schnellsten laufen.
Weil er der Größte ist.
In der Schule wird er lange Zeit zu den Kleinen gehören.
Hannes seufzt.
"Was ist los mit dir?", hört er jemanden fragen.
Hannes schaut auf den Boden. Dort steht der kleinste Mann, den er je gesehen hat.
"Ich bin Herrmann", sagt das Männchen, "heb mich hoch!"
Hannes nimmt ihn zu sich aufs Bett. Der Kleine sieht nett aus.
"Ich habe Angst", sagt Hannes. "Morgen soll ich zur Schule gehen."
"Was ist Schule?", fragt Herrmann, "wird einem dort wehgetan?"
"Nein", lacht Hannes, "das glaube ich nicht. Man geht in die Schule, um etwas zu lernen. Dort darf man nicht spielen. Man muss still sitzen und aufpassen. Und am Nachmittag muss man immer Hausaufgaben machen."
"Das klingt doch nicht so schrecklich", meint Herrmann.
"Doch", sagt Hannes. "Manchmal sind die Lehrerinnen ganz streng. Die schauen dann so böse und schimpfen."
"Wer sagt das?", fragt Herrmann.
"Der Thomas, aus dem Nachbarhaus."
"Ich habe etwas für dich", sagt Herrmann.
Aus seinem Rucksack zieht er einen kleinen, grünglitzernden Stein.
"Das ist ein Zauberstein. Wer ihn besitzt, hat keine Angst mehr."
Hannes nimmt den Stein ganz vorsichtig in die Hand. Er fühlt sich gut an, ganz warm.
"Du darfst den Stein so lange behalten, wie du ihn brauchst. Eines Tages wirst du ihn vielleicht weiterschenken", sagt Herrmann.
Hannes hört ihn nicht mehr. Er schläft tief und fest.
Den Stein hält er die ganze Nacht in der Hand.
"Du isst ja gar nichts", wundert sich Mama beim Frühstück.
Hannes ist viel zu aufgeregt, er kriegt keinen Bissen hinunter.
Er zappelt so lange herum, bis sie aufbrechen.
Vor der Schule sind noch keine anderen Kinder.
"Ihr könnt jetzt gehen", sagt Hannes tapfer zu seinen Eltern.
"Ich schaffe das schon alleine."
Mutig marschiert er auf die Schule zu.
Den Zauberstein hält er fest in der Hand.
Die Lehrerin hat Hannes einen Brief mit einer Sonne geschickt.
Also muss er die Sonnenklasse suchen.
Es dauert nicht lange, und Hannes steht vor der richtigen Tür.
Noch immer sind keine anderen Kinder da.Am Ende des Korridors steht eine junge Frau.
Sie hat braune Haare und lustige Sommersprossen im Gesicht.
Jetzt sieht sie aber nicht sehr lustig aus.
Eher sorgenvoll. Oder richtig ängstlich.
Sie sieht auf ihre Uhr.
Plötzlich weiß Hannes, was er tun muss.
Er geht zu der jungen Frau und legt ihr den Zauberstein in die Hand.
"Damit du keine Angst haben musst", sagt er.
Nach und nach füllt sich die Sonnenklasse mit Kindern.
Hannes entdeckt Manuel, den er vom Kindergarten kennt. Sie setzen sich nebeneinander auf eine Bank.
Da wird es still. "Die Lehrerin", hört Hannes.
Alle Kinder schauen zur Tür.
Herein kommt die junge Frau mit den Sommersprossen.
"Guten Morgen", sagt sie. "Ich bin Carmen, eure Lehrerin.
Zuerst war ich sehr aufgeregt. Ihr sein nämlich die erste Klasse, die ich übernehmen darf. Aber dann hat mir jemand sehr geholfen."
Sie zwinkert Hannes zu.
Hannes und die Lehrerin verstehen sich.
Beim Mittagessen hat Hannes viel zu erzählen.
Kleine Brüder und volle Windeln
Thomas ist wütend.
Voller Zorn kickt er einen Stein gegen die Mülltonne.
Er trifft nicht. Wie sollte er auch.
Alles läuft zurzeit verkehrt.
Beim letzten Fußballspiel hat seine Mannschaft verloren.
Heute Morgen wollte er sich sein Jausenbrot selbst schmieren und hat sich prompt in den Finger geschnitten.
Doch das größte Problem ist Max. Sein kleiner Bruder.
Seit der da ist, herrscht zu Hause das Chaos.
Mama ist ständig müde, Papa hat viel weniger Zeit für Thomas als früher.
Alle Verwandten, die zu Besuch kommen, knuddeln den kleinen "Süßen".
Ihn schicken sie aufs Zimmer.
Zum Spielen.
Er ist ja schon groß.
Dabei hat er sich so auf das Brüderchen gefreut. Als Mamas Bauch immer dicker wurde, konnte er es kaum erwarten.
Thomas nimmt noch einen Stein."
"Du musst dich konzentrieren", sagt eine Stimme. "Dann kannst du alles treffen, was du willst."
Auf der Mülltonne sitzt ein kleiner, dicker Mann. Herrmann.
"Ich zeige dir, wie es geht."
Geschickt hüpft er von der Tonne, zielt und trifft.
"Siehst du", sagt er.Thomas versucht es auch. Diesmal verfehlt er die Tonne nicht.
"Wenn nur alle Probleme so leicht zu lösen wären", seufzt Thomas.
"Erzähl mir von deinem Kummer", bittet Herrmann.
Da legt Thomas los.
Er erzählt, wie er sich auf Max gefreut hat. Wie er sich ausgemalt hat, dass er und sein Bruder die dumme Tante Edith ärgern. Wie sie sich in der Nacht Gruselgeschichten erzählen würden, am liebsten von der verlassenen Braut mit dem Kopf unter dem Arm.
"Doch dann ist Max geboren", schimpft Thomas. "Er war so klein und hässlich, hässlicher als die Braut ohne Kopf. Und jetzt krabbelt er überall herum, reißt alles herunter und sabbert alles voll. Nie kann Mama ihn alleine lassen. Sogar das neue Legoauto hat er kaputtgemacht. Er zeiht alle an den Haaren und schmeißt seinen Brei in der Küche herum. Und er stinkt alle Windeln voll. Für meine Eltern bin ich jetzt ganz überflüssig."
"Das bist du nicht."
Herrmann hat sich die ganze Schimpftirade kommentarlos angehört.
Erst jetzt meldet er sich wieder zu Wort.
"Ich verstehe dich sehr gut, kleine Geschwister sind nervig.
Aber deine Eltern sind stolz auf dich.
Und Max braucht dich auch. Du bist sein großer Bruder.
Ich werde dir etwas zeigen."
Umständlich kramt er in seiner Tasche.
Endlich zieht er eine gläserne Kugel heraus.
In der Kugel ist ein schlanker, großer Junge.
"Das bin ja ich", ruft Thomas begeistert.
"Das bist du in ein paar Jahren", stellt Herrmann richtig.
Noch ein anderes Kind ist im Spiegel zu sehen.
Ein bisschen kleiner, ein bisschen dicker. Aber sonst ganz normal.
Max. Er hält ein Modellflugzeug in der Hand, ein Flügel ist abgebrochen.
"Kannst du das richten Thomas?" Bewundernd schaut er zu seinem großen Bruder auf.
Plötzlich ist Thomas mächtig stolz.
"Für den kann ich ja wirklich alles."
"Siehst du, sagt Herrmann, "es ist nicht immer schlimm, der Ältere zu sein. Für Max bist du ein Vorbild, einer der alles kann."
Zuhause öffnet Thomas vorsichtig die Tür vom Elterschlafzimmer.
Im Bettchen liegt Max. Thomas schaut ihn lange an.
"Eigentlich bist du ja gar nicht so hässlich", sagt er dann.
Papa ist fort
Hannah liegt auf ihrem Bett. In der Hand hält sie ein Foto.
Es ist das letzte Foto, das sie zusammen mit ihrem Papa zeigt. Mama hat es gemacht, als sie in Spanien in Urlaub waren.
"Du bist traurig", sagt eine Stimme.
Hannah sieht, dass jemand auf ihrem Polster sitzt.
Es ist ein kleiner Mann mit einer roten Hose. Über seinem dicken Bauch spannt eine schwarze Weste.
"Ich bin ein Freund für traurige Kinder", sagt Herrmann, "ich möchte dir gerne helfen."
Hannah wird schrecklich zornig.
"Lass mich in Ruhe, du Zwerg", schreit sie. "Papa ist tot, Mama ist oft traurig. Sie weint, wenn sie alleine ist. Und sie glaubt, ich merke es nicht.
Wie willst du mir da helfen?"
Sie zieht ihre Turnschuhe unter dem Bett hervor."Ich gehe jetzt", sagt sie. "Ich will, dass du verschwunden bist, wenn ich wiederkomme."
Hannah rennt aus dem Zimmer.
"Warte auf mich", keucht Herrmann hinter ihr.
Es sieht lustig aus, wie er versucht, auf seinen kurzen Beinchen mit Hannah Schritt zu halten.
Wider Willen muss Hannah lächeln.
Sie hebt den kleinen Mann hoch und setzt ihn vorsichtig in die Tasche ihrer Jacke.
Normalerweise sind im Park viele Kinder.
Heute ist der Himmel bewölkt, es schaut nach Regen aus. Ein alter Mann führt seinen Hund spazieren.
Hannah setzt sich auf eine Bank.
"Papa hat mir vieles erklärt", sagt sie. "Die Namen der Bäume und der Blumen. Von ihm habe ich gelernt, wie man die Stimmen der Vögel unterscheiden kann.
In der Nacht hat er mit mir die Sterne beobachtet. Papa war der Allerklügste."
Sie beginnt zu weinen.
Stumm reicht ihr Herrmann ein Taschentuch.
Dann zieht er einen Spiegel aus dem Rucksack. "Schau hinein", sagt er.
Hannah sieht ihren Papa.
Er hält ein Baby auf den Armen.
Sie sieht sich als Einjährige, die den Löffel unbedingt selber halten will und Papas Hemd voll kleckert.
Die Bilder wechseln schnell.
Hannah ist drei Jahre alt und vom Fahrrad gefallen. Papa klebt ein Pflaster auf das wunde Knie.
Hannah zeigt Papa strahlend ihren ersten herausgefallenen Milchzahn.
Hannah mit der Schultasche auf dem Rücken, Papa macht noch schnell ein Foto.
Hannah morgens im Papas Bett. Sie fühlt seine Wange auf ihrem Kopf und kann seinen Duft riechen.
Hannah und Papa in all ihren glücklichen Momenten.
"All diese Augenblicke gehören dir. Niemand kann sie dir wegnehmen. Immer wenn du an deinen Papa denkst, ist er bei dir. Dann kannst du spüren, wie lieb er dich hat."
Lange bleibt Hannah auf der Bank sitzen.
"Da bist du ja", sagt Mama, als Hannah den Kopf zu Küchentür hereinsteckt.
"Ich habe uns Omeletten gemacht."
"Die mochte Papa gar nicht", sagt Hannah.
Sie geht zu Mama und nimmt sie fest in den Arm.
Ein etwas anderer Tag
Missmutig stapft Ralph die Straße entlang.
Er ist auf dem Weg nach Hause.
Wo eh keiner auf ihn wartet.
Sein Handy läutet.
Jetzt, wo Papa ein neues hat, hat Mama sein altes.
Und das alte von Mama hat Ralph.
Wenn Papa wieder mal ein Handy kauft, wird das wohl Nives kriegen.
Nives ist der Hund.
"Hallo", sagt Ralph.
Mama ist dran.
"Schatz", sagt sie, "ich habe vergessen, dir zu sagen, dass du heute bei der Omi isst. Also dann, tschüss mein Kleiner."
"Tschüss", sagt Ralph.
Er dreht um und stapft zurück.
Das Telefon klingelt wieder.
"Schatz", sagt Mama, "du isst bei Oma Moni, nicht bei Oma Trudi."
