Nona und Tubo machen sich auf den Weg
Das Ziel von Nona und Tubo war das Himmobil hinter der Spielzeughalle. Sie flitzten, flogen, rannten. Zwischendrin schlug Nona ein paar Mal das Rad. Es war Tubo noch nicht schnell genug, und er feuerte sie an:
"Schneller, Nona. Schneller. Bevor sie was merken. Wir müssen weg. Schleunigst."
Gleich darauf erreichten sie das blaue Himmobil, in das Tubo mit einem Satz hineinsprang. Nebst verschiedenen Hebeln und Knöpfen befand sich am Armaturenbrett auch ein Klingklong in Kleinformat. Der Schlüssel steckte. Tubo startete und flehte in Nonas Richtung: "Steig ein, Nona. Schnell. Zuerst müssen wir noch zum Engelstrompetenwald und die Himmelsschlüssel abholen. Beeil dich bitte."
Nona landete kopfüber im Himmobil und hatte noch nicht richtig Platz genommen, als das Himmobil bereits lautlos wie ein Heißluftballon höher und höher stieg. Die Häuser und Straßen von Himmeland wurden immer kleiner, bis sie ganz verschwanden und sie dicht unter dem durchsichtigen Baldachin dahinsegelten. Vorbei am Loch, dass Paraplü mit seinem Taschenmesser hineingeschnitten hatte. Tubos Augen blitzten mit den Sonnenstrahlen um die Wette. Er vergaß sogar das Kauen auf seiner Lippe und starrte nach unten.
"Nona, bald haben wir es geschafft. Halt Ausschau nach dem Wald."
"Vielleicht ist das Tor noch offen", warf Nona ein, "und wir könnten auf den Himmelsschlüssel verzichten."
"Das ist mir zu riskant. Wir holen auf jeden Fall den Himmelsschlüssel."
"Da, da ist der Wald", schrie Nona gleich darauf und fuchtelte wie wild mit ihren Händen. "Da unten, Tubo."
Tubo beugte sich seitwärts aus dem Himmobil.
"Ich seh ihn auch, Nona. Halt Ausschau nach einer Lichtung. Damit wir landen können."
Er manövrierte das Himmobil abwärts bis zu den Baumkronen, die er suchend überflog, bis sie eine Lichtung gefunden hatten. Hier kannten sie sich aus.
"Es ist die Lichtung nahe unseres Baumes, Tubo" freute sich Nona und zerquetschte fast den Mondstein in ihrer Hand.
Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf einen abgestorbenen Baum inmitten des Dickichts.
"Da vorne ist er, Tubo. Da vorne ist er." Die Landung war etwas unsanft. Tubo ließ die Motoren laufen, stieg aus und eilte davon, um kurz danach wieder aufzutauchen. Er überreichte Nona den Schlüssel.
"Glück gehabt. Pass gut auf. Wir dürfen ihn nicht verlieren."
Fast im Senkrechtflug ging es wieder nach oben, dann weiter nordwärts Richtung Himmelstor. Tubos Locken wehten im Fahrtwind. Nonas Herz bubberte wie doll.
Sie fragte: "Hast du keine Angst, Tubo?"
"Angst, Nona", wieherte Tubo. "Überhaupt nicht. Ich bin so froh,
endlich raus aus Himmeland zu kommen."
Nona malte sich aus, was Emilion, Liliane und die anderen wohl sagen würden, wenn ihr Verschwinden aufflog. Klitzekleine Gewissensbisse plagten sie schon. Aber das verriet sie Tubo nicht. Sie näherten sich dem Tor an der Himmelsmauer.
"Es ist verschlossen, Tubo. Wir müssen runter."
Mit der Landung klappte es diesmal besser. Tubo bat Nona: "Schließ du auf, Nona."
Nachdem Nona den Himmelsschlüssel ins Schloss gesteckt hatte, teilte sich das gigantische Holztor in der Mitte und die Torflügel schwenkten nach außen.
"Hörst du das auch, Nona?" Unweit hinter ihnen erklangen Pfiffe.
Nona stand noch am Tor. Sie drehte sich um und bekam einen Schreck.
"Es ist Mäschtild. Sie ist uns dicht auf den Fersen."
"Die hat uns grad noch gefehlt", maulte Tubo und lenkte das Himmobil geschickt durch das Tor. "Womöglich will die noch mit uns Kandelaber fahren. Nichts wie weg."
Nona hatte sich per Radschlagen ins Himmobil geflüchtet.
"Gib Gas, Tubo."
Das brauchte sie ihm nicht zweimal zu sagen. Mit einem Affenzahn jagten sie davon.
"...wartet auf mich. Ich komme mit", war das Letzte was sie von Mäschtild hörten. Dann schloss sich das Tor. Sie sahen nicht mehr, wie Mäschtild vor Wut schäumte und mit ihrem Fuß gegen das Himmelstor hämmerte und fluchte: "Diese Satansbraten."
Die Milchstraße
Geschafft. Tubo und Nona atmeten gleichzeitig auf und staunten. Tubo verlangsamte das Tempo, um sich zu orientieren. Parallel zu Himmeland erstreckte sich vor ihnen eine abschüssige vierspurige Milchstraße. Welche Richtung sollten sie einschlagen? Tubo schien unschlüssig.
"Weißt du, wo wir hin müssen? Wo dieses Kandelaber liegt?"
Tubo verneinte: "Nicht so richtig, Nona. Aber wir finden diesen Planeten. Bestimmt. Wenn wir nicht weiter wissen, fragen wir einfach. Zudem hast du doch den Mondstein, oder? Pass gut auf ihn auf. Er hilft uns im Notfall."
Dann lenkte er das Himmobil gen Westen. Sanft setzten die Räder auf der Milchstraße auf. Das Verdeck schloss er nicht. Der Fahrtwind rötete seine Wangen.
"Die Blätter sind für uns Engel ungenießbar, Tubo", erklärte Nona, die mal mit halbem Ohr einem Gespräch über die Blätter der Milchbäume zwischen Liliane und Bernhard gelauscht hatte. Tubo konzentrierte sich mehr auf die Fahrt. Die Umgebung nahm ihn ganz gefangen.
Durch eine endlose Alle von Milchbäumen, deren Blätter leicht bläulich schimmerten, marschierten im Gleichschritt links der Straße singende Trällernoten und transportierten in ihren Rucksäcken die Tonleiter, aus deren Töne ihr Gesang komponiert war. Nona und Tubo waren überrascht, den Trällernoten auf der Milchstraße zu begegnen. Die Trällernoten waren häufiger zu Gast in Himmeland und erfreuten die Engel Himmelands mit ihrem musikalischen Können.
"Mach mal langsam, Tubo", bat Nona und sagte: "Vielleicht können uns die Trällernoten den Weg nach Kandelaber erklären?"
Höchst ungern drosselte Tubo die Geschwindigkeit, denn er war so richtig in Fahrt, tat Nona aber dennoch den Gefallen. Nona lehnte sich aus dem Himmobil:
"Wohin des Wegs, ihr Trällernoten?"
"Zum Jupiter. Der feiert runden Geburtstag. Der Mars hat uns extra engagiert. Wollt ihr etwa auch dahin?"
Nona winkte lächelnd ab: "Nein. Unser Weg führt uns irgendwo anders hin. Ist euch kürzlich der Riese Paraplü begegnet?"
Die Trällernoten verneinten. Den hatten sie schon länger nicht gesehen, worüber sie auch froh waren. Denn der Bursche war zu rücksichtslos in seinem großen Wagen und eine ständige Gefahr für Fußgänger. Nona ließ nicht locker:
"Und Kandelaber? Kennt ihr Trällernoten den Planeten Kandelaber?"
Wie erschraken die Trällernoten bei dem Wort Kandelaber. Von einer Minute zur anderen wechselten sie die Gesichtsfarbe.
Das Hohe D vom Stamm Sopran machte einen Schritt aufs Himmobil zu:
"Ihr... ihr... ihr zwei wollt doch nicht etwa nach Kandelaber? Bis ans Ende des Universums?"
Als wäre es das Normalste auf der Welt, nach Kandelaber zu reisen, bejahte Tubo frank und frei: "Ja. Wir müssen dorthin. Zu Paraplü und ihm alles wieder abnehmen."
Die Trällernoten verstanden nur Bahnhof. Paraplü...Kandelaber...
Sie zuckten mit ihren Schultern. Nona klärte sie auf. Die Trällernoten waren geschockt.
"...geklaut? Alles geklaut? Euer ganzes Spielzeuglager leer geräumt?"
Tiefes C aus dem Stamm der Bässe schüttelte ungläubig den Kopf. "So ein unverfrorener Lümmel. Die Erdenkinder um ihr Weihnachten zu betrügen."
Nona wurde ungeduldig. "Kennt ihr den Weg dorthin? Es eilt. Viel Zeit bleibt uns nicht."
Trällernote Hohes D erwiderte - seine Bedenken standen ihm auf der Stirn geschrieben: "Wir kennen nur den Weg bis zum Planetarium. So weit draußen waren wir noch nicht. Bleibt weiter auf der Milchstraße, die euch geradewegs nach Galaxos führt. Von dort geht es weiter zum Sternschnuppendorf Funkia, wo ihr in der Sackgasse links abbiegen müsst ins Kometenland. Vorher kommt ihr aber noch an den ausgestorbenen Nestern Meilenstein und Bennebelt, die auf direktem Weg nach Heiaschnarch liegen, wo der Sandmann wohnt. Den trefft ihr höchstwahrscheinlich nur schlafend an. Von Heiaschnarch aus geht es weiter ins Kometenland. Dort müsst ihr euch vor den Schleiernebeln in Acht nehmen. Habt ihr Kometenland hinter euch gelassen, landet ihr umgehend beim Planetarium, sofern ihr keinen Umweg wählt. Hier wird euch Kamill, der menschelnde Roboter weiterhelfen. Der kennt sich dahinten bestens aus."
Nona bedankte sich. "Ihr habt uns geholfen. Gute Reise und bestellt Jupiter unsere besten Geburtstagswünsche."
Hohes D wurde mit einmal misstrauisch. "Sagt mal. Wieso seid ihr allein im Universum unterwegs? Ohne Emilion? Ohne Mäschtild, Liliane und die anderen? Soweit ich mich erinnere, gehört ihr doch zu den Jüngsten in Himmeland?"
Tubo druckste herum: "Ja, schon. Den anderen fehlte der Mut Aber wir müssen doch Weihnachten retten. Deswegen bin ich mit Nona unterwegs. Wir sind einfach ohne Erlaubnis abgehauen." Trällernote Hohes D blieb sprichwörtlich der Ton im Halse stecken und musste erst schlucken. "Uuujjjujjjuuuu. Ihr habt Mut? Dann viel Glück und passt gut auf euch auf."
Just in dem Moment verkündete der Klingklong im Himmobil noch siebzehn Stunden bis Weihnachten.
Nona und Tubo waren lange außer Sichtweite, als die Trällernoten singend weiterzogen. "Klingklong, klingklong, so tönt der Weihnachtsgong. Siebzehn Stunden habt ihr noch, Engel, rasch ans Werk, sputet euch, beeilt euch doch."
Einem Ohrwurm gleich erschallte die Klingklong-Melodie über die gesamte Milchstraße.
