Poststation in Himmeland
Zum zweiten Mal an diesem Tag kippte Postengel Klaus, der laufend zwischen Erde und Himmeland pendelte, einen Sack Briefe mitten auf Engel Tubos Schreibtisch und wurde laut.
"Aufwachen, Tubo-Schlafmütze. Die Arbeit ruft."
Als sei es das Normalste auf der Welt, wie ein Maulwurf unter einem Schreibtisch hervorzukriechen, stellte sich Tubo aufrecht hin und schwindelte:
"Hab nicht geschlafen, Klaus. Sah nur so aus. Mein Bleistift war runtergefallen. Den hab ich gesucht."
Waren doch Notlügen in Tubos Augen erlaubt. Klaus nahm ihm die Ausrede nicht ab und erwiderte:
"Naja, bist nicht um Ausreden verlegen, Tubo. Obwohl Schwindeln keine der Engelstugenden ist. Allerdings bist du nicht der einzigste, der momentan lieber pennt als arbeitet. Was ist los in Himmeland? Wo ich auch hinkomme, nichts als träge Engel."
Er wies auf den Stapel Post auf Tubos Schreibtisch und stöhnte: "Dabei ist bis morgen noch ne Menge zu bewältigen. Noch zwanzig Stunden. Ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit Emilion reden."
Da Klaus offenbar über ihren Zustand Bescheid wusste, gähnte Tubo dann doch ungeniert und gestand: "Ach, Klaus. Weiß auch nicht, was mit mir los ist. Noch nie war ich soooooooooo müde. Sooooooo schrecklich müde."
Klaus hegte allergrößte Bedenken:
"Ob in dem Zustand die vielen Spielsachen noch fertig werden? Und den Kindern auf Erde fällt noch laufend was Neues ein. Ich muss noch mal runter zur Erde, Tubo. Mach dich an die Arbeit. Bis nachher."
Postengel Klaus war verschwunden.
Gähnend wühlte sich Tubo durch die Briefe und öffnete sie. Nahm es denn kein Ende? Viele Briefe hatte er schon gelesen. Aber es immer wieder spannend, zu erfahren, was die Erdenkinder für Wünsche hatten. Beeindruckend, welche Spielzeuge sich die Kinder wünschten. Jedes Jahr kamen neue Ideen dazu. Die Stapel auf seinem Tisch wuchsen und wuchsen. Ein Stapel für Schlitten, ein Stapel für Babypuppen, ein Stapel für Malbücher, ein ein Stapel für Piratenschiffe. Dazu unzählige Bücher, Memorys, Malstifte. "Bald", murmelte er vor sich hin, "bald werden Nona und ich alles hautnah erleben. Diesmal scheitert unser Plan nicht." Wenn sie doch bloß nicht so müde wären...
Es gab auch Wünsche, die die Weihnachtsengel nicht erfüllen konnten. Dieser Stapel war ähnlich groß und die Engel darüber traurig. Leider stand es nicht in ihrer Macht, es zu ändern.
"Lieber Weihnachtsmann,
mach bitte, dass Mama und Papa sich wieder lieb haben und sich nicht soviel streiten".
Lieber Weihnachtsmann,
mach, dass Papa wieder zu uns zurückkommt."
Lieber Weihnachtsmann,
ich wünsche mir nur Schnee zu Weihnachten. Damit ich mit Mama und Papa Schlittenfahren kann. Sonst nix."
Tubo erwischte sich dabei, wie sein Kopf vornüber auf die Tischplatte sank. Unter Aufbietung letzter Reserven erhob er sich und hüpfte mehrmals auf einem Bein um seinen Schreibtisch, wozu Emilion ihnen geraten hatte.
Warum war dieser Schlafensdrang so groß? Komisch. Allein Postengel Klaus schien davon verschont. Könnte er sich doch nur ein klitzekleines Minütchen hinlegen? Stattdessen öffnete er einen Brief, der ihn beeindruckte. Denn Mike aus Boston schrieb:
"Lieber Weihnachtsmann!
Ich wünsche mir eine Kuckucksuhr. Eine richtige Kuckucksuhr, wie sie mein Großvater Johann besaß. Mein Opa Johann aus Ingolstadt in Deutschland. Als ich vier Jahre alt war, flogen meine Mama und ich von Boston nach Ingolstadt. An Weihnachten. Bei meinem Opa Johann hing die Kuckucksuhr in der Küche. Sie gefiel mir so gut, dass Opa Johann sie Mama mitgeben wollte. Doch Mama weigerte sich, die Kuckucksuhr mitzunehmen. Sie mag keine Kuckucksuhren. Jetzt ist mein Opa gestorben, und ich hätte so gerne eine Kuckucksuhr. Damit ich mich immer an meinen Opa erinnern kann.
Dein Mike aus Boston."
Mike hatte in dem unteren Teil des Briefes eine Kuckucksuhr gezeichnet, die einer echten Kuckucksuhr täuschend ähnlich sah. Wünsche nach Kuckucksuhren waren eher selten in Himmeland, doch in diesem Jahr war dies bereits das zweite Mal, dass sich ein Kind eine Kuckucksuhr wünschte. Engel Bernhard würde sich freuen. Wenn er nicht zu müde war.
Die Herstellung von Uhren gehörten zu Bernhards Lieblingsbeschäftigungen und dessen Werkstatt beherbergte die ausgefallensten Werkzeuge. Für die Kuckucksuhr war Eile angesagt. Tubo packte sich die Stapel und begab sich erst zu Bernhard, den er laut schnarchend mit einem Schraubenzieher in der Hand an der Werkbank vorfand.
Nona, die Bernhard in der Werkstatt zur Hand ging, hatte ihren Kopf in ihre Armbeuge gelegt und schlief tief und fest auf einem unbequemen Stuhl. Behutsam weckte er beide und drückte Bernhard den Kuckucksuhrenwunsch in die Hand. Bernhard wirkte anders als sonst nicht gerade glücklich ob dieses Auftrages.
Dann begab sich Tubo auf die Suche nach Emilion. Allenthalben wurde Emilions Rat und Entscheidung benötigt. "Emilion, sollen die Dreiräder rot oder grün werden? Sollen wir der Puppe blaue Augen machen oder doch besser braune? Blonde Haare oder schwarz. Welche Pferderassen gehören auf einen Ponyhof?"
Mit solcherlei Fragen behelligten die Engel Emilion, während dieser durch Himmeland eilte.
Tubo fand ihn schließlich beim Spielzeuglager. "Hier bist du, Emilion", und drückte ihm den Stapel ihn die Hände.
"War auch wieder eine Kuckucksuhr dabei. Den Zettel hab ich schon bei Bernhard abgegeben."
Auf der Stelle hätte er jetzt zu Boden sinken und sich dem Schlaf hingeben können. Er gähnte mit Emilion um die Wette, der ihn hm lobend auf die Schulter klopfte: "Gut gemacht, Tubo. Da wird sich Bernhard freuen", und fügte hinzu: "falls er nicht zu müde ist." Tubo verriet ihm nicht, dass Bernhard alles andere als glücklich darüber war.
Tubo kehrte an seinen Platz zurück, und Emilion hätte sich gerne einen Moment lang in eine Ecke zum Schlafen verdrückt, als er beobachtete, wie Liliane das Spielzeuglager pflichtbewusst von außen verriegelte.
Er sprach nicht aus, was er dachte: "Reiß dich zusammen, Emilion. Was sollen die anderen von dir denken?"
Nein, er durfte sich keine Blöße geben und verzichtete unter Aufbietung sämtlicher Kräfte auf die Mütze Schlaf.
Himmeland im Tiefschlaf
Das himmlische Spielzeuglager wurde von Engel Liliane wie deren Augapfel gehütet und kaum von ihr aus den Augen gelassen. An ihrer Gürtelschlaufe baumelte der zweitwichtigste Schlüssel Himmelands. Der Schlüssel zum himmlischen Spielzeuglager.
Das Spielzeuglager hatte etwa die Größe eines Fußballfeldes und war zugestellt mit Regalen bis unter die Decke. Diese Regale waren jetzt, knapp zwanzig Stunden bis Heiligabend, zum Bersten mit dem Kostbarsten voll gepfropft, was Himmeland derzeit zu bieten hatte. Mit den Weihnachtswünschen der Erdenkinder.
Es bereitete Liliane große Freude, durch das Spielzeuglager zu streifen, denn dort fühlte sie sich als Kind. Es kam vor, dass auch sie aus kindlichem Spieltrieb heraus schon mal Runden mit dem Roller im Spielzeuglager drehte. Besonders hatten es ihr die Eisenbahnen angetan. So oft es ging, ließ sie die Züge auf den Schienen kreisen. An den Fingerfarben und dem Knetgummi hatte sie nicht soviel Vergnügen, weil sie etwas etepetete war und schmutzige Fingernägel nicht mochte.
Minütlich wurde ihre Ankunft in Himmeland erwartet. Die Ankunft der hundert Weihnachtsmänner, die alljährlich kurz vor Heiligabend via Schlitten und Rentiere bis nach Himmeland reisten, um all die Schätze des Spielzeuglagers rechtzeitig zu den Erdenkindern zu transportieren. Gehörte dies doch seit Weihnachtsgedenken zu den Pflichten der hundert Weihnachtsmänner. Liliane ging auf Emilion zu. Ihr schleppender Gang spiegelte ihre Erschöpfung wider.
"Grüß dich, Emilion. Noch unterwegs?"
"Ja."
"Siehst müde aus."
Er zwang sich zu einem Lächeln.
"Bin irgendwie hundsmüde. Du wirkst auch nicht ausgeschlafen."
Liliane wickelte ihre Federboa fester um den Hals, als könne sie damit ihrer Müdigkeit entgehen.
Sie zuckte ihre Schulter.
"So müde war ich in meinem ganzen Leben noch nicht."
Emilion gähnte hinter vorgehaltener Hand.
"Ich auch nicht, Liliane. Hast du gehört, was die Klingklong geschlagen haben und wirf mal einen Blick auf meine Liste?"
Liliane traute ihren Augen kaum, als sie die Zahlen las.
"Ojemine. So viel noch? Dabei sind es noch kaum zwanzig Stunden."
Emilions Stirn krauste sich in Sorgenfalten.
"Es wird knapp. Sehr, sehr knapp werden."
Mit Müh und Not konnte Emilion sein Gähnen unterdrücken und appellierte an Liliane:
"Vergiß um Himmelswillen nicht, das Spielzeuglager abzuschließen, Liliane."
Liliane zeigte auf den Schlüssel an ihrem Gürtel.
"Hab sogar zweimal abgeschlossen, Emilion."
"Gut so, Liliane. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste."
Einen Moment lang erwähnte er, Liliane von seinem Verdacht zu erzählen. Er entschied sich anders. Nein, er wollte sie nicht beunruhigen, doch da war wieder dieses Gefühl; wie eine Vorahnung, irgendjemand - vermutlich Paraplü - führe nichts Gutes im Schilde.
Dann sprach Liliane sprach, was derzeit jeder in Himmeland fühlte.
"Was ist bloß mit uns los? Warum sind alle auf einmal so erschöpft, Emilion? Kannst du mir das verraten?"
Dabei gähnte sie und riss den Mund bis hinten hin auf. Emilion konnte es nicht mehr unterdrücken.
"Aaaaaahhhhhhhhh."
Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine Hand vor den Mund zu halten.
"Genau deswegen mache ich mir große Sorgen, Liliane. Vergleichbares gab es noch nie in Himmeland. Und du weißt, dass ich schon eine Ewigkeit in Himmeland bin."
Er plumpste auf die Bank vorm Spielzeuglager und winkte Liliane neben sich. Lieber hätte er sich gleich der Länge nach darauf ausgestreckt.
Er vertraute Liliane an: "Auf der Hut müssen wir sein, Liliane. Auf der Hut sein. Ich habe ein ungutes Gefühl, aber keine Erklärung dafür, außer das mich dieser Paraplü da oben nervös macht."
Er kratzte sich am Kopf. "Die Stunden fliegen förmlich dahin", und jetzt konnte Emilion seine Augen kaum noch aufhalten und hatte schon Schlagseite. Seine Liste war ihm aus den Händen gefallen und segelte zu Boden. Liliane zwickte ihn behutsam ihn in die faltige Wange.
"Nicht einschlafen, Emilion. Vielleicht sollte Himmeland eine kleine Pause einlegen, Emilion?"
I Halbschlaf murmelte Emilion, ehe er sich schwerfällig erhob und zum Wachbleiben um die Bank hopste: "Meinst du, Liliane?" Liliane tat es ihm gleich, nur in die entgegengesetzte Richtung und beteuerte:
"Schau dich um, Emilion. Kaum einer behält noch die Augen auf. Biete eine kurze Pause an. Das hilft vielleicht."
Emilion überlegte kurz und gab Liliane Recht. Wohin er auch schaute, kaum einer behielt noch die Augen offen. Allen ging es so wie ihm. Als dann die selbstgerechte Mäschtild, einer wandelnden Schlafmütze gleich und mit schweren Augenlidern, kommentarlos vorbeischlich, war Emilion überzeugt. Er griff sein Megaphon und verkündete: "Hört her, Weihnachtsengel. Legt eure Werkzeuge beiseite und haut euch bis zum nächsten Klingklong-Gong in eure Betten. Danach sind wir hoffentlich so ausgeruht, dass wir zügig an Restarbeiten gehen können. Eine weitere Pause kann ich dann aus Zeitgründen nicht mehr gewähren."
Das ließen sich die Engel nicht zweimal sagen und schwebten im Nu davon. Emilions Warnung - "Pause bis zum nächsten Klingklong-Gong" - ging im allgemeinen Tumult unter. Emilion verdrückte sich hinter den Ofen in der Weihnachtsbäckerei. Liliane dagegen wollte lieber in der Nähe des Spielzeuglagers bleiben und streckte sich auf der Bank vorm Spielzeuglager aus. Wenige Minuten später schlummerte ganz Himmeland tief und fest.
