Die Himmelsschlüsselwiese
Als etwas Gras über ihren missglückten Ausflug gewachsen war, lagen Nona und Tubo wieder einmal unter ihrem Engelstrompetenbaum und träumten. Immer noch wurmte Tubo der Vorfall mit dem Himmelsschlüssel. Wie konnten sie nur so dumm gewesen sein? Aus seiner Lippe trat ein Blutstropfchen aus:
"Nona."
"Ja."
"Denkst du auch daran?"
"Woran, Tubo?"
"An den Himmelsschlüssel."
Nona wusste sofort, worauf Tubo hinaus wollte und setzte sich auf. Ihr schlechtes Gewissen trat auf den Plan. "Wir haben versprochen..." Tubo lachte auf.
"Aber nicht richtig. So ein Schlüssel", fuhr Tubo fort und vergewisserte sich mit einem Blick rundum, ob jemand in der Nähe lauschte, "kann ja nicht schaden."
"Aber es ist verboten..." warf Nona ein.
"Es muss ja niemand wissen." Haselnussbraune Augen betrachteten Nona.
"Denkst du, wir sollten..." Sie traute sich nicht, weiterzusprechen.
Tubo ergänzte ihren Satz: "...uns einen Schlüssel besorgen. Ja genau."
Nona flüsterte: "Kennst du denn den Weg zur Himmelsschlüsselwiese? Die soll doch ganz tief verborgen in Himmeland liegen."
Tubo erwiderte nickend: "Ungefähr. Ich hab Klaus mal so nebenbei gefragt. Der hat mir den Weg dahin beschrieben."
Diese dringende Angelegenheit bedurfte in Tubos Augen keines Aufschubs und er vereinbarte mit Nona eine Verabredung für die kommende Nacht. "Dann suchen wir die Himmelsschlüsselwiese, Nona."
Nona schlug ein Rad. Diesmal eher aus Unbehagen als aus Vergnügen.
"Meinst du wirklich, Tubo?" Ihre Sommersprossen waren kaum erkennbar. Tubo dagegen war es ernst. Sehr ernst.
Ganz Himmeland schlief, als Nona und Tubo zur Himmelsschlüsselwiese aufbrachen. Im fahlen Mondenschein durchquerten sie den Engelstrompetenwald, folgten einem Bachlauf bis zur Quelle. Hier bogen sie links ab und marschierten weiter und gerieten tief in einen Wald, bis Tubo schließlich stehen blieb und voller Besorgnis gestand: "Ich glaube, wir haben uns verirrt, Nona. Nach Klaus’ Beschreibung hätten wir schon längst an einer Wiese vorbeikommen müssen. Lass uns lieber umkehren, ehe wir den Weg gar nicht mehr zurückfinden."
Doch sie fanden aus diesem Wald nicht mehr heraus. Es war, als liefen sie im Kreis. Sie irrten und irrten umher, bis sie erschöpft, hungrig und durstig stoppten. Nona plumpste ins Moos und "ich kann nicht mehr, Tubo, mir tun die Füße weh" jammerte.
Tubo sank ebenso ermattet neben sie und kaute auf seiner Lippe. Mutlos verweilten sie und wussten nicht mehr weiter, bis Nona sich des Mondsteins in ihrer Tasche erinnerte, dem doch magische Kräfte nachgesagt wurden. Sie zog den Stein heraus und bat eindringlich: "Lieber, lieber Mondstein. Dir werden doch magische Kräfte angedichtet. Bitte, bitte hilf uns, den richtigen Weg zur Himmelsschlüsselwiese zu finden." Der Mondstein blieb stumm.
Ihnen blieb keine Wahl. Sie mussten aufbrechen und folgten einem Pfad bis zu einer Kreuzung auf einer Waldlichtung. Als sie
geradeaus weitergehen wollte, funkelten die Sprenkel des Steins plötzlich, golden wie Glühwürmchen, auf. Nona, ganz aufgeregt, war sich sicher. "Es ist ein Signal, Tubo. Ein Signal."
"Aber welches, Nona?"
"Das werden wir sehen."
Als sie nach links abbogen, blinkte der Stein nicht auf. Aber nahmen sie eine offensichtlich falsche Abzweigung, blinkten die Goldsprenkel wie zur Warnung. Dank des Mondsteines gelangten sie schließlich im Morgengrauen zu der taubedeckten Wiese und liefen weiter hinauf zu einem Berghang. In einem der Felsen klaffte ein Loch, durch das sie sich hindurchzwängten. Dann lag sie vor ihnen. Die Himmelsschlüsselwiese. Sonnengelbe Himmelsschlüssel leuchteten im Morgenlicht und lockten Bienen, Hummel und Schmetterlinge an. Nona bückte sich und wollte zwei Stängel abbrechen, als ein heftiger Schmerz durch ihre Finger zuckte.
"Au, autsch."
Sie zog die Hand weg.
Dann wollte eine glockenhelle Stimme, die scheinbar aus der Blume sprach, wissen: "Wer braucht einen Himmelsschlüssel? Nenne mir deinen Namen."
Nona und Tubo stockten verdutzt, bis Nona stotterte: "Nona aus Himmeland."
Zeit verging, ehe die Stimme antwortete:
"Nona aus Himmeland? Tut mir leid, Nona. Aber du darfst noch keinen Himmelsschlüssel besitzen, weil du noch zu klein bist. Komm in ein paar Klingklong-Jahren wieder."
Damit hatten weder Tubo noch Nona gerechnet. Flüsternd beratschlagten sie sich. Dann beugte sich Tubo zu dem Himmelsschlüssel nieder, um sie zu knicken. Ihn ereilte das Gleiche wie Nona.
"Autsch" schrie er auf und zog seine Hand weg.
Als die Blume von ihm wissen wollte, wer er sei, schwindelte er:
"Ich bin Bernhard."
"Bernhard." Es dauerte, bis sie einwilligte.
"Gut. Dir gestatte ich, einen Himmelsschlüssel mitzunehmen."
Jetzt ließ sich die Blume mühelos abbrechen. Auf dem Nachhauseweg versteckten sie den Himmelsschlüssel in dem hohlen Baumstamm im Engelstrompetenwald, der noch andere Schätze barg.
Himmeland
posaunten auf Himmelands Straßen die Klingklong. Engel Emilion hätte sich am liebsten seine Lamettahaare gerauft. Es blieben ihnen noch läppische zwanzig Stunden. Sputen, sputen, sputen und nochmals sputen war angesagt. Ansonsten würde es dieses Jahr zappenduster mit Weihnachten sein.
Klingklong ticken anders als Erdenuhren, und die Zeit in Himmeland hat Zeit. Viel Kling-Klong-Zeit. Pünktlichkeit nach Stunden, Tagen, Monaten oder Jahren ist in Himmeland bedeutungslos. Bis, ja, bis die ersten Weihnachtswünsche der Erdenkinder eintrudeln. Hatten doch die Engel vor Jahrhunderten die Zeit in Himmeland oftmals auf die leichte Schulter genommen hatten. Zur Enttäuschung der Erdenkinder waren Geschenke oftmals nicht rechtzeitig fertig geworden.
Um den Erdenkindern an Weihnachten fürderhin Enttäuschungen zu ersparen, hatte Engel Bernhard, der Tüftler und Erfinder in Himmeland, den Klingklong konstruiert. Eine melodische Spieluhr, die einem pausbäckigem, posaunespielendem Engel glich. Diese Klingklong hingen überall an Himmelands Laternen und verkündeten ab dem 1. Dezember stündlich die noch verbleibende Zeit bis Heiligabend.
"Klingklong, klingklong, so tönt der Weihnachtsgong..."
Mehr als beschaulich geht es während des Jahres in Himmeland zu. Geruhsam. Gemächlich. Vergnügt und ohne Stress leben Engel in den Tag hinein. Manchmal vertrödeln sie ihre Zeit mit Nichtstun oder entwerfen komplizierte Muster aus Wolkenwolle, die ihnen das Jahr über ausreichend zur Verfügung steht. Daraus hatte sich ein richtiger Wettbewerb entwickelt. Oder pflegen Freundschaften, musizieren. Machen lange Spazierflüge. Laden an Festtagen den Sandmann aus Heiaschnarch zu Kaffee und Kuchen ein. Einmal im Jahr erfreuen sie sich am vierstimmigen Konzert der Trällernoten, den berühmten Sängern des Universums, die ab und an in Himmeland gastieren.
Erreicht aber der erste Weihnachtswunsch Himmeland, geht ein Ruck durch Himmeland. Vorbei dann das Faulenzen. Ab dann wird im betulichen Himmeland gesägt, gehobelt, genäht, geklebt, gepinselt, gebastelt, gestöpselt. Und Engel Emilion, dem ältesten Engel, obliegt die Verantwortung für gutes Gelingen.
Anders als in den Vorjahren verwünschte Emilion so kurz vor Heiligabend die Klingklong. Befanden sie sich doch mit der Produktion weit im Rückstand. Die Summen seiner Endlosliste kannte er auswendig. Noch sage und schreibe einundzwanzig Dreiräder, einhundertundelf Puppen, neunundzwanzig Schlitten, sieben Ritterburgen, neunzehn Kaufläden mussten hergestellt werden. Dazu Bauklötze in einer fünfstelligen Zahl. Emilion wurde flau im Magen ob der Summe.
Eigentlich können Engel Tag und Nacht werkeln, ohne je zu ermüden. Ansporn hierfür sind kindliche Freude, Dankesbriefe und selbstgemalte Bilder der Erdenkinder, die überall auf Himmelands Litfasssäulen kleben. Daran ergötzen sich die Engel das ganze Jahr über.
Aber seit zwei Tagen stimmte nicht mehr, was jahrhundertelang Gültigkeit hatte. Seit zwei Tagen schien alles anders in Himmeland. Etwas Kräftezehrendes grassierte in Himmeland. Dauernde Erschöpfung, ständige Schläfrigkeit hatten um sich gegriffen und die Engel in einen Dämmerzustand versetzt.
Zum wievielten Male - Emilion hatte längst aufgehört zu zählen - diese bleierne Müdigkeit Besitz von ihm ergriff, wusste er nicht mehr. Übermächtig der Wunsch in ihm, ein kleines Nickerchen zu halten. Er versuchte sich mit Kopfrechnen "Dreiundzwanzig plus sieben sind dreißig, neun minus sieben gleich ..." wach zu halten. Zusätzlich tauchte er seinen Kopf kurz in kaltes Wasser und schüttelte sein silbernes Haar, das es nur so spritzte. Es half für einen Augenblick. Sorgen quälten ihn, dass ihm die Verantwortung für das schönste Fest der Erdenkinder über den Kopf wuchs.
Wieder hundemüde schleppte er sich durch Himmeland. Die Kraft zum Fliegen fehlte ihm. Was er beobachtete, beunruhigte ihn zutiefst. Engel waren über ihren Arbeiten eingenickt. Andere wiederum rieben sich in einem fort die Augen und gähnten laut und ungeniert. Das Arbeiten verlief im Zeitlupentempo. Wohin er schaute, über allen lag ein Mantel der Schläfrigkeit. Ganz Himmeland lief auf Sparflamme.
Als Emilion dann vierrädrige Dreiräder, runde Bauklötze und Puppenstuben, die eher Flughäfen glichen, entdeckte, befürchtete er das Schlimmste. Bisher hatten nur sie erstklassige Arbeiten, präzise und genau, abgeliefert.
Emilions Augen wanderten hinauf zum durchsichtigen Baldachin mit den Luftlöchern darin, der ganz Himmeland umspannte. Hatte sie doch dieser Riese Paraplü seit Tagen im Visier. Die Spitze seines Fernrohrs lugte fortwährend durch den Baldachin. Verrückte Gedanken kursierten in Engel Emilions Kopf. Ob der Riese Paraplü etwas gegen Himmeland im Schilde führte? Ob der popelnde Paraplü den Erdenkindern womöglich Weihnachten stehlen wollte?
Doch Emilions vage Vermutungen liefen ins Nichts. Halbmatt liebäugelte er bereits wieder mit einer Verschnaufpause, obwohl ihnen die Zeit dazu fehlte.
