Wenige Tage vor Weihnachten
Riese Paraplü rieb sich die Hände. Was sein Fernrohr ihm von Himmeland verriet, bereitete ihm großes Vergnügen. Sein Plan ging auf. Sie hatten das Loch nicht bemerkt. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er zur Tat schreiten und nach Kandelaber zu seiner Burg Zwiebelturm zurückkehren konnte. Mit großem Gepäck. Mit ganz großem Gepäck.
Nona und Tubo
Nona und Tubo, die beiden unzertrennlichen Nesthäkchen langweilten sich meist droben in Himmeland. In Himmeland, der Heimat der Engel. Kaum zu zählen, wie oft sich die beiden auf die Erde oder ins unendliche Weltall träumten.
Als einziger Engel in ganz Himmeland hatte Nona fünf Sommersprossen auf ihrer Nase - verteilt wie auf einem Spielewürfel, einen Punkt in der Mitte und vier Punkte gleichmäßig rundherum angeordnet.
"Sommersprossenengel" wurde sie gerne von den anderen geneckt.
Kleider und Röcke waren Nona zuwider und beim Anziehen maulte sie "damit kann man ja nicht richtig toben", schlüpfte stattdessen in ihre Hose. Ihre schwarzen Haare trug die streichholzlang. Trotz ihrer Engelsflügel beherrschte sie die Kunst des Radschlagens wie keine zweite in Himmeland und schaffte fast dreißig Meter am Stück. In Himmeland ein absoluter Rekord. Engel Emilion, der älteste Engel Himmelands, behauptete steif und fest: "Ich bin mir sicher, nicht nur in Himmeland ein Rekord. Sondern im ganzen Universum."
Vor nicht allzu langer Kling-Klong-Zeit oder auch Himmelszeit war Nona im Engelstrompetenwald fünf Meter in die Tiefe gestürzt und hatte sich dabei ihren linken Flügel gebrochen. Engelsflügel wachsen aus silberfädrigem Seidengespinst und feinstem gesponnenem Engelshaar und sind sehr biegsam und elastisch. Sind sie allerdings gebrochen, können sie nie wieder wiederhergestellt werden. Seit dem Sturz hing Nonas linker Flügel schlaff herunter. Mehr als fünf Meter Fliegen am Stück schaffte sie seitdem nicht mehr.
Auch wenn es mit dem Fliegen vorbei war, blies Nona noch lange keine Trübsal. Hatte sie doch Tubo, ihren besten Freund, der ihretwegen meist auch auf das Fliegen verzichtete. War sie vom Laufen sehr erschöpft, hob Tubo sie einfach Huckepack und trug sie manches Mal ein Stück des Wegs. Oder sie bewegte sich per Radschlagen weiter. Komischerweise ermüdete sie das kaum. Trotz ihres lahmen Flügels blieb Nona ein Wildfang. Kurz nach dem Unglück hatte Tubo einen schwarzglänzenden Mondstein mit Goldsprenkel im Unterholz gefunden und ihn Nona geschenkt. Nona war darüber ganz aus dem Häuschen, gelten Mondsteine doch als Glücksbringer in Himmeland. Ihnen werden magische Kräfte nachgesagt. Dieser Mondstein begleitete Nona fortan.
Tubo war einen halben Kopf größer als Nona und hatte blonde Engelslocken, haselnußbraune Augen und war noch dürrer als Nona. Was nicht verwunderte, denn er war ein richtiger Zappelphilipp mit Ameisen im Hintern. Ruhigsitzen empfanden alle beide als Strafe. Beim Nachdenken vergrub er beide Hände tief in seine Hosentaschen und kaute auf seiner Unterlippe. Ständig träumte er von Abenteuern. Leider hatte Himmeland davon wenig zu bieten. Oft träumten die beiden im Engelstrompetenwald, geschützt unter den tiefhängenden Ästen einer uralten Engelstrompete, von Reisen bis ans andere Ende des Universums.
"Woran denkst du, Tubo?" fragte Nona, wenn er in Gedanken ganz woanders war und seine Lippe wieder zerbiss.
Mit Sehnsucht in der Stimme gestand er: "Wie wir am leichtesten aus Himmeland verschwinden könnten?"
Nona umschloss ihren Mondstein und meinte zuversichtlich. "Uns fällt noch was ein, Tubo. Dein Mondstein hilft uns bestimmt dabei."
"Er gehört dir, Nona."
"Er gehört uns." Wie zur Besiegelung eines Schwures schlug Nona fünfmal das Rad.
Durfte man doch erst als erwachsener Engel Reisen außerhalb Himmelands unternehmen. Engel verreisen höchst selten, denn sie fühlen sie sich in Himmeland am wohlsten und dank des durchsichtigen Baldachins und der großen Mauer, die Himmeland umgab, in Sicherheit. Himmeland war eine friedliche Oase inmitten des geheimnisvollen Universums. Höchstens unternahmen Engel mal einen Ausflug über die Milchstraße nach Galaxia, wo die Jojos wohnten oder bis nach Funkia zu den Sternschnuppen. Und vom Erwachsensein waren Nona und Tubo noch etliche Klingklong-Zeit entfernt.
Mehr als alles sehnte sich Tubo nach einer Reise zur Erde, um endlich die Erdenkinder kennen zu lernen, deren Bilder an Himmelands Litfasssäulen prangten. "Ich würde so gerne Jonas, Maike, Lisa, Manuel und wie die alle heißen, kennen lernen."
"Ich auch", hatte Nona sehnsüchtig erwidert.
Ebenso gern hätten die beiden eine Fahrt durch das unendliche Weltall mit all seinen Sternen, Milchstraßen und Umlaufbahnen unternommen. Viel zu langsam verrann für Nona und Tubo die Zeit bis zum Erwachsensein.
Mitunter liebäugelte Tubo sogar mit dem Himmobil, einer Gondel mit Engelsflügeln, in der Postengel Klaus in der Weihnachtszeit ständig zwischen Himmeland und Erde pendelte, um Unmengen an Wunschzettel von der Erde nach Himmeland zu befördern. Von Klaus hatte er sich mal die Technik der Gondel erklären lassen. Das Himmobil konnte fliegen, auf vier Rädern fahren und schwimmen. Je nachdem. Klaus hatte ihn sogar mal damit ein paar Runden durch Himmeland drehen lassen. Tubo war verblüfft gewesen, wie einfach das Himmobil zu bedienen war.
Ungern erinnerten sie sich an ihre Bruchlandung im letzten Herbst und schämten sich im Nachhinein des in ihren Augen stümperhaften Plans. Mit zwei Drahteseln aus dem Spielzeuglager wollten sie über die Milchstraße zur Erde zu radeln. Was sie seinerzeit nicht wussten, war, dass sich das Himmelstor nur mit dem passenden Himmelsschlüssel öffnen ließ. Da sie keinen Himmelsschlüssel besaßen, standen sie vor verschlossener Tür und mussten sie notgedrungen umkehren. "Welch eine Blamage?" hatte Tubo zwischen seinen Zähnen gegrummelt, puterrot im Gesicht vor Ärger, während sie umkehrten.
Liliane, die Hüterin des himmlischen Spielzeuglagers, hatte als erste die fehlenden Räder im himmlischen Spielzeuglager entdeckt und gleich Alarm geschlagen. Daraufhin hatten sich Himmelands Engel auf die Suche nach den beiden gemacht, die sich bereits wieder auf dem Rückweg befanden. Sie hatten keine Wahl, als dem fassungslosen Rat der Engel ihren tollkühnen Plan zu beichten.
Engel Emilion, das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben, hatte gestammelt: "Ihr... ihr... ihr wolltet tatsächlich mutterseelenallein zur Erde strampeln? Ihr Knirpse ihr?"
"Ja", hatte Tubo geantwortet. Nona schlug wie zur Bestätigung dreimal hintereinander das Rad. "Hör auf damit, Nona. Du brauchst nicht abzulenken", hatte sie daraufhin das himmlische Raubein Mäschtild angeherrscht.
Engel Bernhard, der geniale Tüftler Himmelands, fragte: "Aber warum? Gefällt es euch denn nicht in Himmeland?"
Tubo hatte es herum gedruckst: "Äääh...hmm... schon, aber uns ist so langweilig. Hier passiert ja nichts. Alle sind so brav. So lieb."
Dann gestand er dem versammelten Rat der Engel seine und Nonas Lust auf Abenteuer. Verstehen konnten das Himmelands Engel nicht und die beiden mussten schwören, zukünftig von derartigen Ausflügen die Finger zu lassen.
"Ansonsten wären wir gezwungen, euch unter die besondere Obhut von Engel Mäschtild zu stellen."
Diese Drohung hatte genügt. Sie versprachen es, doch Nona knetete dabei mit der rechten Hand den Mondstein und kreuzte hinterm Rücken beim Schwur die linken Finger. Tubo vergrub seine Hände in den Taschen. Niemand sah seine gekreuzten Finger, als er schwor, solche Reisen zukünftig zu unterlassen.
Mäschtild war der unbeliebteste Engel in Himmeland. Als einzige verstand nur sie, durch ihre Finger zu pfeifen. Pfeifen erzeugt in Engelsohren ziemliche Schmerzen. Sie war bekannt dafür, nicht so zimperlich und nachsichtig mit den Kleinen zu verfahren. Und hielt ihnen schon mal eine Gardinenpredigt. In ihren Augen waren die erwachsenen Engel Himmelands viel zu gutmütig und nachsichtig.
Nachdem Tubo und Nona geschworen hatten, waren sie entlassen und durften wieder nach draußen zum Spielen. So hörten sie nicht mehr, wie Engel Bernhard anerkennend sagte: "Auch wenn ich es nicht gutheißen kann, aber die zwei haben Mut bewiesen. Und Phantasie. Davon könnten wir alle ein Quäntchen gebrauchen."
In der Tat. Tubos und Nonas Plan hatte so manchem der Engel Respekt abgenötigt. Nur Mäschtild hatten die Zähne gefletscht. Wäre es nach ihr gegangen, hätten die beiden eine ganze Woche lang die Straßen von Himmeland fegen müssen.
Zu guter Letzt traf Emilion eine weise Entscheidung: "Im nächsten Jahr werden die zwei mit in die Weihnachtsvorbereitungen eingebunden. Dann fehlt ihnen die Zeit für solche Mätzchen."
Ein schlechtes Gewissen hegten Nona und Tubo der liebenswürdigen Liliane gegenüber, die sich über die zwei Ausreißer empört hatte, was ihr Lispeln noch verstärkte: "Das hat man nun davon. Wollte ich euch eine Freude machen und ihr klaut einfach zwei Fahrräder, um abzuhauen. Noch nie ist jemand aus Himmeland abgehauen. Wie kommst du bloß auf solche Ideen, Tubo?"
Besorgt hatte sie ergänzt: "Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, welche Gefahren dort draußen lauern. Seid froh, hier in Himmeland in Sicherheit zu sein."
Als Tubo wissen wollte, welche Gefahren denn dort lauerten, verdrehte Liliane die Augen. "Viele, Tubo. Schrecklich viele."
Engel Liliane mit der rosa Federboa hatte jahrelang Emilion in den Ohren gelegen und darum gebettelt, den Kleinen das Spielzeuglager bis Heiligabend zur Verfügung zustellen. Zum Dreiradfahren, Rollerblades-Fahren, Fahrrad-Fahren und argumentierte stets: Auch kleine Engel wollen spielen."
Bis Emilion und der Rat der Engel endlich zugestimmt hatten, aber zur Bedingung machten: "Aber wenn nur ein Teil in die Brüche geht, hat der Spaß sofort ein Ende."
Sämtliches Spielzeug erreichte immer in tadellosem Zustand den Erdball. Wie besessen hatten Nona und Tubo damals Fahrradfahren geübt, bis sie freihändig fahren konnten.
Die gelenkige Nona konnte schließlich auf einem Bein stehend auf dem Fahrradsattel balancieren.
