6 SCHILDKRÖTEN
Alle marschierten jetzt in die erste Etage. Dort war das Schlafzimmer der Tiere und Roberts eigene Ruhestelle. Ein Roboter braucht keinen Schlaf. Aber ab und zu muss er sein Elektronengehirn durchsortieren. Das nennt sich in der Computerfachsprache ‚AUSMISTEN’. Dabei wird alles überprüft, was im Gedächtnis drin ist, was auf keinen Fall irgendwann mehr gebraucht wird, das wird gelöscht. Damit das Gedächtnis nicht mit allzu viel unnützem Kram überlastet wird. Und in dieser Zeit, beim Ausmisten, kann das Elektronengehirn nicht allzu viel anderes arbeiten.
Robert hat sich seinen Haustieren angeglichen. Selber hat er sich so programmiert: Das Ausmisten geht dann vonstatten, wenn die Hausgenossen schlafen.
Roberts Schlafstätte ist Marke Eigenbau. Die sieht nicht aus wie ein Bett. Auch nicht wie eine Hängematte. Die sieht eher aus wie das Dach von einem Himmelbett. Von oben hängen nur ein paar Haken und Ösen herunter. Robert führte vor, wie er sich dort immer einhakt. Arme, Fußrollen und Kopf kommen je in eine Schlaufe. Dann stellt er sich den Hauptstrom ab und kann seelenruhig ratzen. Wenn er will, kann er sogar träumen. Dann erscheint ihm noch mal kurz das, was gerade ausgemistet wird. Er kann die Träume auch abschalten. Dann hat er absolute Ruhe.
Aber lange schlief er nicht, diesmal, der Roboter Robert Robertson, Er wollte nur zeigen, wie er das macht. Während er aus seinen Halteschlaufen herauskletterte, führten die Tiere Judith zu ihren Schlafstätten.
Das Kaninchen Prinzesschen hat eine gepolsterte Höhle, die mit Heu weich ausgefüllt ist. Wenn es will, kann es die Luke dicht machen. Dann hat es absolute Ruhe.
Die Katze Maxi hat einen Korb, der mit Schmusekissen ausgelegt ist. Wenn sie will, kann sie eine Haube herunterlassen. Da sind nur Luftlöcher drin. Dann hat Maxi ihre absolute Ruhe.
Und Siggi, der Hund, hat ein richtiges Bett mit Matratze, Kissen und Bettbezug. Da wühlt er sich so richtig ein, nachdem er sich dreimal im Kreis gedreht hat. Das ist uralte Hundetradition. Wenn er will, kann er die Bettdecke über den Kopf ziehen. Dann hat er seine absolute Ruhe.
Nach dieser Vorführung ging es die Treppe ’runter. Judith ließ es sich nicht nehmen. Sie hopste wie ein Tischtennisball von Stufe zu Stufe. Bis fast an die Decke sprang sie jedes Mal. Die geringe Schwerkraft machte ihr immer noch viel Spaß.
Maxi hatte eine Überraschung für die beiden Freunde von der Erde. Sie wollte ihnen im Wald etwas zeigen. Aber kaum waren sie im Wohnzimmer, da hörten sie Schildi und Kröti fürchterlich streiten.
Schildi beschwerte sich, dass sie so klein war, obwohl sie älter war als Kröti. Ein richtiger Wasserschildkrötenzwerg war sie. Und sie schimpfte mit Kröti, dass die sie immer rumkommandierte.
Judith hatte eine Idee. "Du kannst ja mal unsere Astronautenkost probieren. Die hat Vitamine und Aufbaustoffe. Vielleicht wächst du dann noch ein bisschen"
Schildi wollte das gerne versuchen. Sie futterte gleich ein großes Stück der Tubenkost. Und KRACKS-KRACKS-KRACKS wuchs Schildi in die Länge und in die Breite. Schon hatte sie Kröti eingeholt, und schon war sie ein Stück länger.
Jetzt fing Kröti an zu lamentieren. Das hatte sie nicht verdient, dass sie zur Kleinsten wurde. Judith und Till tuschelten miteinander. Schnell waren sie einer Meinung. Auch Kröti gaben sie etwas von der Astrokost - nicht zu viel. Und KRACKS-KRACKS-KRACKS wuchs Kröti in die Länge und in die Breite. Schon hatte sie Kröti eingeholt. Und dann wuchs sie nicht mehr weiter. Beide waren gleich groß. Und beide waren zufrieden.
Nun kam Maxis Überraschung an die Reihe. Sie führte die Kinder in den Wald hinaus. Nach einer kurzen Strecke kamen sie an eine kleine Lichtung. Maxi forderte die Beiden auf, zu suchen. "Was denn?"
"Sag’ ich nicht. Sucht nur."
Judith und Till fingen an zu suchen und wussten nicht, was. Trotzdem schauten sie hinter Büsche und Bäume, hinter Steine und Moosteppiche. Fast gleichzeitig schrieen sie auf. Bunte Ostereier entdeckten sie, schön bemalt mit lustigen Zeichnungen. Sie fanden Schokohasen, Zuckereier und Marzipanhühnchen. In einem Fuchsbau stand ein Korb. Die Freunde legten ihre Sachen hinein.
"Aber heute ist doch gar nicht Ostern", bemängelte Till.
"Auf dem Mond ist das anders", erklärte Maxi. "Hier ist genau heute Ostern." Nun gut, umso besser.
Judith wollte wissen, wieso sie auch mit Geschenken bedacht war. Niemand konnte ahnen, dass sie mitkam.
"Das ist mein Geheimnis", sagte Maxi, und sonst sagte sie keinen Mucks.
Till lief ein Stück voraus. Als Judith sie eingeholt hatte, flüsterte sie ihr ins Ohr: "Maxi kann ein bisschen hellsehen, weißt du!"
Die drei kamen glücklich bis überglücklich zum Häuschen zurück. Robert mahnte, es sei Zeit zum Rückfahren, Rückfahren auf die Erde. Er geleitete die Beiden an den Ausgang aus seinem Reich, aus seiner Höhle.
Till und Judith zogen ihre Raumanzüge an. Robert öffnete ferngesteuert das Tor. Er ließ die Lampe an seinem Kopf leuchten. Judith kannte schon einige Vorsprünge. Sie merkte sie sich gut. Denn sie wollte wiederkommen. Und dann ohne Licht durch den Gang marschieren. Wie Till. Ohne sich zu stoßen.
Schnell waren sie draußen. Till klopfte Robert auf die Rüstung.
"Machs gut, alter Kumpel."
"Auf Wiedersehen, guter Freund von der Erde. Auf Wiedersehen, meine neue Freundin Judith. Ich hoffe, ich sehe die beiden jungen Erdenmenschen recht bald wieder. Mein bescheidenes Reich steht ihnen jederzeit zur Verfügung."
Robert winkte den Beiden zu und verschwand im Gang. Die Felswand rollte davor. Die Freunde spürten die Erschütterung in den Fußsohlen. Hören konnten sie nichts mehr.
