5 ROBERTS HÖHLE
"Hallo Robert", begrüßte Till den Roboter. "Guten Tag Till", antwortete der. Die beiden schienen sich gut zu kennen. "Wen hast du denn da mitgebracht, hier herunter zum Mond?" wollte Robert wissen. "Meine neue Freundin. Judith heißt sie."
Judith wunderte sich über zwei Dinge. Einmal sind sie doch herauf geflogen, zu Mond - und nicht herunter, wie der Roboter sagte. Und dann, was noch krasser war - hätte sonst ein Junge gesagt, Judith sei seine neue Freundin, dann hätte sie sich werweißwie aufgeregt. So aber fühlte sie sich beinahe schon geschmeichelt.
Der Roboter rollte auf Judith zu, reichte ihr seine Hand und machte eine kurze Verbeugung. "Freut mich sehr, die junge Dame, die Freundin meines Freundes, kennen zu lernen."
"Fe... Fe... freut mich auch, dich kennen zu lernen - äh, SIE kennen zu lernen, meine ich", sagte Judith. Sie war reichlich verdattert. Gute Manieren hatte er, der Roboter, sehr gute Manieren. Und lustig sah er aus mit seinen Antennenohren, den runden Kugelaugen und der roten Blinkenase.
"Darf ich die beiden Besucher denn in mein bescheidenes Reich bitten?"
"Da freuen wir uns schon drauf", antwortete Till. Und Judith freute sich mit, obwohl sie nicht wusste, was Roberts Reich war. Aber hier auf dem Mond zu sein, das war schon toll. Toll, toll, toll. Und nun ein Roboter. Ein echter, lebendiger Roboter. Fast lebendig, muss es heißen. Fast war es so, als sei er lebendig: der Roboter Robert.
"Und im übrigen", erklärte Robert, indem er voraus in einen schmalen Gang rollte, "im übrigen kann die junge Dame gerne ’du’ zu mir sagen. Wenn es ihr recht ist, vorausgesetzt. Ich heiße Robert."
"Das ist mir eine große Ehre. Mein Name ist Judith. Judith Eulering. Nur eines würde ich gerne wissen, Robert. Hast du auch einen Nachnamen?"
"Ja. Ich heiße Robert Robertson." Lustig klang das: der Roboter Robert Robertson.
In dem Gang war kaum etwas zu sehen. Ein bisschen Licht drang von draußen rein. Aber auch das war bald vorbei. Die Luke knallte hinter den Dreien zu. Aber einen Knall hörte man nicht. Denn wo keine Luft ist, da gibt es keine Geräusche. Auf dem Mond ist nun mal keine Luft. Aber deutlich spürten die Kinder durch die Fußsohlen, wie das Tor zurummste.
Jetzt sah Judith absolut gar nichts mehr. Dafür hörte sie über die Außenmikrofone ein leises Zischen. Das wurde immer lauter. Dann sagte Till: "So, du kannst deinen Helm abnehmen. Robert hat Luft rein gelassen." Judith fummelte eine Weile rum, bis sie den Helm in der Dunkelheit abbekam. Tills und Roberts Schritte entfernten sich. Endlich fertig mit dem Raumhelm, bereute Judith es sogleich. Mit einem Satz sprang sie hinter den Kameraden her und - "Auuu", - hatte sie sich die Birne gestoßen.
"Was hast du?" fragte Judith. "Hab’ mich gestoßen. Kann nix seh’n! "
"Ach du Schreck", tröstete Till. "Das ist mir anfangs auch passiert. Gib Acht, der Gang wird hier noch niedriger. Ich kenne den Weg schon im Schlaf."
"0h, ich muss mich entschuldigen", ließ sich Robert mit seiner Lautsprecherstimme vernehmen. "Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich selbst habe Radar eingebaut. Und mein Erdenfreund Till kennt den Weg wie im Schlaf. Das ist genauso gut wie Radar." Während er noch sprach, wurde es hell. Robert hatte eines seiner Lämpchen eingeschaltet.
Tatsächlich. Der Gang wurde enger. Und einige gemeine Vorsprünge hingen herab. Im Dunkeln hätte Judith sich garantiert noch öfter gestoßen.
Erneut standen die drei vor einer Felswand. Auf einen ferngesteuerten Befehl Roberts hin rollte die Wand mit einem tiefen Grummeln zur Seite.
Helles Licht fiel in den Gang. Judith musste die Augen zusammenkneifen. Eine riesige Höhle tat sich vor ihr auf. Sie war so hoch, dass man kaum die Decke erkennen konnte. Die Felswände hatten einen tiefblauen Farbton und sahen aus wie ein Himmel mit einigen grauen Wolken. Weit weit weg leuchtete eine riesige, runde Lampe. Die sah aus wie eine Sonne.
Und das schönste war: Nur ein paar Schritte, und Judith stand auf einer saftigen, weichen Wiese aus dichtem Gras, dicht wie ein Moosteppich. Sich achtete nicht mehr darauf, wie sich hinter ihr das Felsentor zuschob. Sie staunte über die vielen bunten Blumen. So schöne hatte sie auf der Erde niemals gesehen. Und wie das alles duftete!
Regungslos und begeistert starrte Judith in die Umgebung. Kleine Hügel, fast soweit das Auge reichte, nicht weit weg ein paar Obstbäume. Etwas weiter eine richtiger Wald. "Komm mit", unterbrach Tills Stimme Judiths verträumten Blick. "Du kannst den Raumanzug ausziehen. Die Luft hier ist besser als bei uns unten."
Judith tat wie ihr geheißen. Sie und Till verstauten die Anzüge neben dem Felsentor. Judith folgte gehorsam ihren Freunden und wusste nicht, wohin es ging. Sie kam aus dem Staunen nicht heraus. Kleine, blühende Büsche säumten den Weg. Eine schmale Holzbrücke führte über einen plätschernden Bach, der sich durch die Wiese schlängelte.
Und bald tauchte hinter einer Hecke ein schnuckeliges Holzhaus auf. In der Mitte eine Tür, links und rechts ein Fenster mit Klappläden. Und über der Tür ein weiteres Fenster. Darüber das schiefergedeckte Dach. Das stand weit über und sah unglaublich gemütlichen aus.
Robert öffnete die Tür. Sofort drängten sich ein Hund, eine Katze und ein Kaninchen aus der Tür. Die Katze fragte: "Robert, wen hast du denn da mitgebracht?" Judith stand der Mund offen. Eine sprechende Katze! Gab es auf dem Mond denn nur Wunder?
Robert erklärte der Katze das mit Tills Freundin von der Erde. Und Till erklärte Judith: "Auf dem Mond können die Tiere alle reden." Dann stellte sie Judith die Haustiere vor. Die Katze, das war Maxi, der Hund war Siggi, und Prinzesschen hieß das Kaninchen.
Nun ging es hinein in die Küche. Die Kinder setzten sich auf eine Holzeckbank. Die Tiere scharten sich darum herum. Robert tafelte auf. Erst jetzt merkte Judith, dass sie richtigen Hunger hatte. Was da alles auf dem Tisch stand: Käse, Marmelade, Wurst, Fleisch, Butter, Honig, Gebäck und frische Brötchen. Obstsaft gab’s dazu, Kirsch, Apfel und Orange zum Aussuchen.
Kinder wie Tiere hauten rein was das Zeug hergab. Robert schaute vergnügt zu. Als alle fertig waren, räumte er ab. Wieso hatte er nichts gegessen? Nun, Maschinen essen nichts. Selbst wenn sie noch so menschlich sind.
Jetzt besichtigten alle das Haus. Neben der Küche ging’s ins Wohnzimmer mit einem bequemen Sofa und gemütlichen Sesseln.
Vor einem großen Fenster, durch das der Garten hereinschaute, stand ein Aquarium. Darin tummelten sich zwei Wasserschildkröten. Als sie merkten, dass jemand Neues reinkam, streckten sie ihre Köpfe aus dem Wasser und erkundigten sich nach Judith. Und Siggi, der schwarze Zottelhund, erklärte alles. Er nannte Judith die Namen der beiden Wassertiere: Schildi und Kröti. Dann stellte er ihr die ganzen Fische vor, die zahlreich umher schwammen. Jeder einzelne dieser bunt schillernden Flossenträger nickte, als sein Name genannt wurde. Judith konnte sich beim besten Willen nicht die dreiunddreißig Namen merken. Aber einige recht lustige waren dabei: Wasserraser, Wellepelle, Hopsepops und Schnupsstrich.
"Hören können die Fische offenbar. Aber können sie auch sprechen?" fragte Judith. Prinzesschen legte das Ohr ans Aquarium, und Judith machte es ihm nach.
Tatsächlich. Ganz leise hörte sie an der Glaswand ein Gepisper. Zuerst konnte sie nichts verstehen. Dann hörte sie. wie Wellepelle zu Schnupsstrich hinüber flüsterte:
"Sieht sehr nett aus, Roberts neue Erdenfreundin Judith." Judith freute sich, dass sie bei den Fischen auf dem Mond gut ankam.
