德语故事:Lene Teil I: Harveys Mütze(3)
发布时间:2019-01-31 06:04:16
Zum Frühschoppen
Der Wecker klingelt 4:30 Uhr. Lene ist sofort putzmunter. Leise zieht sie sich ihren roten Strickrock an. Die Mutter hatte ihn gestern noch schnell gewaschen und getrocknet. Von unten hört Lene das Klappen der Hoftür. Der Vater ging in den Kuhstall zum Melken. Nun muss sie sich beeilen. Lene hängt sich die Brottasche um den Hals und streift das grüne Hemd über. Dann drückt sie Paul noch einmal an sich und flüstert: "Wünsch mir Glück!" Sie schleicht die Treppe hinunter, putzt sich im Bad schnell die Zähne, schlüpft in die grünen Gummistiefel und verlässt das Haus durch die Vordertür. Die Luft ist frisch. Lene atmet einmal tief durch. Dann läuft sie mit großen Schritten in den Garten.
Am hinteren Gartentor holt sie Mütze und Brille aus ihrer Tasche und setzt sie auf. Theo wartet schon. "Buon Giorno Bella!", flüstert er freudig. "Schon in Partylaune?" Lene krault ihm die Ohren und lacht: "Buon Giorno Giovanni!"
"Wir lernen aber schnell, junges Fräulein." Magda kichert in sich hinein. Lautlos ist sie hinter einer Konifere aufgetaucht. "Aber keine langen Schmeicheleien. Wir sind spät dran." Sie dreht Lene und Theo den Rücken zu und marschiert los. Zu dritt laufen sie im Gänsemarsch durch das kurze Gras. Ein ganz sachter Wind weht durch die Blätter der Apfelbäume. Noch ist es kühl und still. Doch wie aus dem Nichts hört Lene plötzlich den entfernten Klang eines Schlagzeugs. Als sie sich der Kastanie nähern, kommen Bass- und Gitarrentöne dazu. Sie klingen aus der Erde herauf. Aber man sieht nichts. Rein gar nichts. Dabei ist die Sonne mittlerweile schon ein ganzes Stück aus den Wolken gekrochen. "Wo sind sie denn?" Lene stupst Theo an. "Ich kann überhaupt keinen sehen." Theo läuft noch ein Stück nach vorn und setzt sich dann ruhig neben Magda ins Gras. Mit der Nase deutet er auf einen Holzstapel. Lene weiß zuerst nicht, was er meint. Aber dann erkennt sie eine niedrige Tür. Die ist einen spaltbreit geöffnet. Auf einem Holzscheit davor lümmelt sich ein merkwürdiges Tier. Es ist zu groß für eine Maus. Doch für eine Ratte ist der Schwanz eindeutig zu kurz. Die Arme hat es übereinander geschlagen. Auf seiner Nase trägt es eine dunkle Sonnenbrille. Um den Kopf hat es ein Tuch gewickelt. Das ist also eine Wühlmaus, denkt Lene und wundert sich. "Hier sind wir", sagt Theo endlich. "Darf ich bekannt machen: Rodney, der Türsteher vom Klub; Lene, die Tochter vom Bauer." Rodney nimmt ganz langsam seine Sonnenbrille ab. Seine kleinen Augen heften sich auf Lene: auf die grünen Stiefel, den roten Rock und auf Harveys Mütze. "Sieh an", sagt er dann mit einer dünnen Fistelstimme, die gar nicht so recht zu seiner dunklen Sonnenbrille passen will. "Ist sie in Ordnung?" Theo nickt heftig mit dem Kopf. "Na dann rein mit euch, die Jungs da unten sind schon gut drauf." Rodney stößt die Tür auf. Magda springt als erste hinein. Als Theo hinterher will, hält ihn Lene am Schwanz zurück. "Theo, ich bin doch viel größer als ihr. Wie soll ich denn da reinpassen?" Aber Theo beruhigt sie: "Keine Sorge Bella, die Wühlmäuse bauen so groß, dass auch ein Menschenkind bequem Platz da drin hat. Na komm schon: wir sind doch bei dir." Theo zieht seine Lefzen nach oben und lächelt Lene aufmunternd an. Dann geht er durch die Tür. Lene seufzt. Dann legt sie sich flach of den Boden. Mühsam schiebt sie sich durch die enge Öffnung. Doch tatsächlich: Theo hat recht. Auf der anderen Seite der Tür ist so viel Platz, dass sie sich wieder aufrichten kann. Zusammen laufen sie durch einen engen Gang. Es geht immer tiefer in den Erdboden hinein. Lene muss den Kopf einziehen, um nicht gegen die Decke zu stoßen. Es gibt nur ganz wenig Licht und es ist furchtbar heiß. Lene fürchtet sich ein bisschen. Keiner sagt ein Wort. Aber die Trommeln und Gitarren werden immer lauter. "Gleich sind wir da Bella", ruft Theo von vorn. Und tatsächlich: es wird etwas heller um sie herum. Der schmale Gang weitet sich, wird breiter und höher bis Lene schließlich ganz bequem stehen kann. Als sie sich umschaut, traut sie ihren Augen nicht. Vor ihr tanzen ungefähr hundert Wühlmäuse zu einem wilden Rhythmus. Sie stehen dabei auf den Hinterbeinen, wiegen sich in den Hüften, gehen in die Knie und fuchteln mit ihren Vorderpfoten in der Luft herum. Sie tragen dunkle Sonnenbrillen. Die ein oder andere hat sich ein rotes oder schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt. Einige stehen an der Wand und trinken. Lene kratzt sich am Hinterkopf. Das war nun das Eigenartigste, das sie in den letzten zwei Tagen gesehen hatte. Theo schmiegt sich von unten an ihr Bein. "Das ist der Wühlmaus-Frühschoppen, Bella. Einmal im Monat wird hier unten gefeiert, immer zu Vollmond."
"Aha", sagt Lene. Mehr kriegt sie nicht heraus. Ihre Kehle ist schon ganz trocken von der heißen Luft. Da fällt ihr Blick auf die Bühne. Dort stehen vier Mäuse in geringelten Hemden. Auch sie tragen dunkle Sonnenbrillen. Sie machen Musik. Es gibt zwei Gitarren, einen Bass und ein Schlagzeug. Die Maus am Bass singt, aber der Lärm der anderen übertönt ihre Stimme. "Wer ist das?", flüstert Lene. "Die Band? "Los Ratones" heißen sie. Wühlmäuse stehen auf Rock´n Roll, wusstest du das nicht?" Theo lacht. "Katzen scheinbar auch", erwidert Lene trocken. Sie hat Magda erspäht. Mitten auf der Tanzfläche springt die hingebungsvoll im Kreis, mal auf zwei Beinen, mal auf allen Vieren. "Magda liebt diesen Krach. Erinnert sie wahrscheinlich an ihre Jugend. Und bei Vollmond ist sie sowieso kaum zu halten."
"Und was ist mit dir, tanzt du nicht Theo?""Nicht sofort, Bella, wir gehen erst mal zur Bar. Ich habe Durst. Andiamo!"
Hinter der Theke steht eine ganz besonders dicke Wühlmaus. Die karierten Hemdsärmel hat sie aufgekrempelt. Theo springt auf den Barhocker. "Hey Amigo, wie steht’s?" Auf dem Gesicht der Wühlmaus breitet sich ein freundliches Grinsen aus. "Don Giovanni, alter Köter, sieht man dich auch mal wieder hier unten. Wen hast du denn da mitgebracht?"
"Ah scusi, das ist Lene, die Tochter vom Bauer. Lene, das ist Harald, der Wirt." Harald reicht Lene die kleine Pfote. "Sehr angenehm, junges Fräulein. Wünsche gute Unterhaltung. " Haralds Pfote liegt für ein Weilchen weich und kühl in Lenes warmer Hand. Theo schaut Lene an: "Möchtest du etwas trinken? Hier gibt es etwas ganz Spezielles." Bevor Lene antworten kann, hat Harald schon einen kleinen Becher vor sie hingestellt. "Das Rezept hat mir ein Freund aus Südamerika mitgebracht: Pfirsichsaft mit Weizenkörnern. Sehr erfrischend bei diesen Temperaturen." Lene nippt vorsichtig an ihrem Becher. Gut schmeckt es, süß und fruchtig. Lene beobachtet wieder die Tänzer. Die Musik ist schon etwas ruhiger geworden. Einige der Mäuse halten sich eng umschlungen. Auch Magda springt nicht mehr wild umher, sondern dreht sich verträumt im Kreis. Dann wandern Lenes Augen an der Theke entlang. Am anderen Ende hockt ein schwarzer Vogel, ganz allein. Irgendwie sieht er einsam aus, findet Lene. Sie stupst Theo an. "Und wer ist der Vogel da drüben?"
"Der Rabe? Das ist Ralf, unser Philosoph. Kommt meistens nur auf eine Saftschorle vorbei, brabbelt unverständliches Zeug und verzieht sich wieder." Theo wendet sich Harald zu, der gerade einen Becher mit einem Stofffetzen trockenreibt. "Und wie geht’s der Familie?"
Aber Lene hört schon nicht mehr auf das Gespräch zwischen Theo und Harald. Sie nimmt ihren Becher und schiebt sich langsam die Theke entlang. Ralf starrt vor sich hin. Mit den Flügeln stützt er sich auf die Theke. "Verzeihung", Lene räuspert sich und zupft den Vogel zaghaft an einer Schwanzfeder. Ralf dreht sich langsam zu ihr um. "Nichts zu verzeihen Gnädigste", krächzt er. "Was verschafft mir die Ehre?" Lene entdeckt eine Träne auf seinem Schnabel. "Ich bin Lene. Du siehst ein bisschen einsam aus. Ist alles in Ordnung?" Ralf wischt sich die Träne weg und antwortet: "Alles bestens. Danke der Nachfrage." Dann kehrt er Lene wieder den Rücken zu und starrt auf seine Apfelschorle. Lene lässt nicht locker. "Aber du weinst doch. Bist du traurig?"
"Ich bin immer traurig, meine Liebe, kein Grund zur Sorge". Ralf spricht mit gleichgültiger Stimme. Das hatte Lene noch nicht gehört. Gewiss, auch sie war manchmal traurig, aber immerzu? "Warum bist du denn traurig?", fragt sie weiter. Ralf zieht die Flügel nach oben. "Ich weiß nicht, es ist einfach so. Es war immer so und wird wohl auch immer so sein."
"Aber freust du dich denn nie über etwas, über die Musik zum Beispiel?" Ralf schaut lange zur Bühne hinüber. "Nein", sagt er dann. "Warum bist du dann überhaupt hier?" Lene wird langsam ein wenig ungeduldig. Diese Unterhaltung war wirklich nicht einfach. Ralf schaut sie beleidigt an und fragt: "Warum, junges Fräulein, soll ich denn bitteschön nicht hier sein? Hier ist es auch nicht trauriger als anderswo." Lene wird rot. Verletzen wollte sie den traurigen Raben nicht. "Tut mir leid", murmelt sie leise. Aber als sie gerade ihren Becher nehmen und zu Theo und Harald zurückkehren will, hält sie Ralf zurück. "Ist schon gut. Du kannst ruhig fragen. Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Ich hatte mich auf meinen Haselnussstrauch gesetzt und war schon fast eingenickt. Da kam auf einmal ein ganzer Haufen junger Menschenkinder angerannt. Ungefähr so groß wie du. Die machten einen Höllenlärm, faselten etwas von Schatz und Diamanten. Dann fingen sie an, Löcher zu graben. Da war an Nachtruhe natürlich nicht mehr zu denken. Also bin ich hierher gekommen - Aber was ist denn mit dir los kleines Fräulein, du bist ja ganz blass?" Lenes Gesicht war bei Ralfs Worten tatsächlich aschfahl geworden. Der Schatz! Jemand musste sie und Franziska belauscht haben. Oder hatte man sie sogar beim Vergraben der Diamanten beobachtet? Vor Schreck konnte sie erst gar nichts sagen. Nachdem sie ein paar Mal tief Luft geholt hatte, stammelt sie schließlich: "Oh mein Gott Ralf, wo steht dein Haselnussstrauch?"
"Gleich hinter der Kirche, meine Liebe. Was hast du denn nur plötzlich?" Aber Lene ist schon verschwunden.