德语故事:Eine Freundin für Anne(1)
发布时间:2019-01-31 06:03:03
Nachdenklich stand die zehnjährige Anne mit ihrem Rollstuhl auf dem schmalen Steg der fast bis zur Mitte des kleinen idyllisch gelegenen Weihers hineinragte, und sah den Wildenten zu die sich im Wasser laut schnatternd um sie herum versammelt hatten, um gierig nach den kleinen Brotstückchen zu schnappen, die das Mädchen ihnen zuwarf.
Seit fünf Jahren lebte sie nun schon hier in diesem kleinen Bauerndorf, das eingebettet lag in sanft schwingende Hügel mit saftig grünen Wiesen, und goldgelben von der Sonne verbrannten Getreidefeldern.
Anne war für eine Zehnjährige ein sehr trauriges und ein viel zu ernstes Mädchen. Sie lebte still und zurückgezogen bei ihrer etwas ältlichen Großtante, die sie damals als einzige verbleibende Verwandte bei sich aufgenommen hatte.
Damals, das war vor fünf Jahren. Es war der Tag an dem das Schicksal auf grausamste Weise zugeschlagen hatte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen wie jedes Mal, wenn sie über diesen grässlichen Autounfall nachdachte. Immer und immer wieder spulte vor ihrem geistigen Auge der gleiche Film ab.
Es passierte auf dem Heimweg. Es war schon dunkel, als plötzlich ein schlimmes Unwetter losbrach. Blitze zuckten vom Himmel, und ein mächtiger Sturm peitschte über die regennasse Fahrbahn. Dann, als sie gerade aus einer Kurve kamen, lag ein entwurzelter Baum quer über der Straße. Annes Vater sah das Hindernis zu spät. Der Wagen geriet ins schleudern und überschlug sich. Für ihre Eltern gab es keine Rettung mehr. Anne überlebte den Unfall schwer verletzt. Aber sie war gelähmt und für immer an den Rollstuhl gefesselt. Mit der Zeit resignierte sie und zog sich immer mehr zurück.
Schuld daran waren aber auch die Dorfkinder. Für die Mädchen war Anne eine Außenseiterin. Sie wussten mit ihr nichts anzufangen. Für sie war Anne einfach nur langweilig. Ein Mädchen mit dem man nichts unternehmen konnte. Folge dessen bemühten sie sich erst gar nicht um sie. Außerdem befremdete sie der Rollstuhl. Und für die Jungs war Anne nur die Behinderte. Die man auch mal, wenn man Lust hatte, ärgern konnte. Anne hatte sich daran gewöhnt allein und ohne Freunde zu sein. Aber zum Glück gab es den Weiher. Hierher kam sie immer, wenn sie es nicht mehr aushielt. Hier bei den Wildenten rückte ihr schweres Los, wenigstens für eine kurze Zeit etwas in den Hintergrund.
Eines Tages als Anne wieder einmal gedankenverloren den Enten zusah, hörte sie hinter sich auf dem Steg leise Schritte. Neugierig drehte sie sich um. Ein fremdes Mädchen kam freundlich lächelnd auf sie zu.
"Hi, ich bin Julia. Und wer bist du", wollte die Fremde wissen. Misstrauisch sah Anne das Mädchen an das ungefähr in ihrem Alter war.
"Ich heiße Anne", sagte sie und betrachtete argwöhnisch ihr Gegenüber. Doch dann siegte ihre Neugier.
"Bist du neu zugezogen? Ich habe dich hier noch nie gesehen." Julia winkte lachend ab.
"Nein meine Tante Emelie wohnt hier. Ich verbringe die Ferien bei ihr. Aber sag mal", wollte Julia dann wissen. "Warum bist du denn ganz alleine hier? Ist das nicht zu gefährlich? Ich meine mit dem Rollstuhl und so. Wo sind denn die anderen Kinder?" "Die meisten sind im Urlaub", entgegnete Anne. "Aber es spielt keine Rolle ob sie da sind oder nicht ", fuhr Anne fort. "Sie mögen mich nicht, und deshalb werde ich immer alleine hier sein." Julia irritierte diese harte Aussage und fragte deshalb nach.
" Was meinst du damit sie mögen dich nicht. Wie soll ich das verstehen?" "Ach", seufzte Anne, "Ich sitze im Rollstuhl, bin behindert und deshalb für sie langweilig. So einfach ist das." "Aber", entrüstete sich Julia, "das ist doch wohl das Allerletzte, so einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört. Ein totaler Blödsinn. Das sind doch nur Äußerlichkeiten. Was wirklich zählt ist der Mensch. Auf jeden Fall ist das meine Meinung." Julia gefiel Anne. Sie war das krasse Gegenteil von Ihr und strotzte nur so vor Selbstvertrauen. Kein Vergleich mit den Mädchen aus dem Dorf. So wie Julia, so wäre Anne gerne gewesen. Dann hätte sie sicher keine Probleme mit den anderen Kindern.
Julia hatte es sich inzwischen auf dem Steg bequem gemacht, und ließ ihre Beine ins Wasser baumeln."Es ist echt schön hier", bemerkte sie. "Kein Vergleich mit der Stadt in der ich wohne. Du kannst dir nicht vorstellen wie stressig das manchmal ist. Wenn ich nur an den Schulbus denke mit dem ich jeden Tag fahren muss. Der ist total überfüllt." Anne lauschte gespannt der Erzählung. Sie wagte nicht zu unterbrechen. Es war wie beim Enten füttern. Mit jedem Wort das sie aufnahm, verloren sich ihre Nöte im Nichts.
"Und dann die vielen Menschen auf den Straßen", erzählte Julia weiter. "Sie hetzen in die Innenstadt, als würde es dort alles umsonst geben. Du kannst mir glauben. Ich bin froh, dass ich mal ein paar Wochen hier auf dem Land bin." "Wirklich", fragte Anne und sah Julia ungläubig an. "Aber was ist mit deinen Freundinnen. Vermisst du sie nicht?" Julia winkte ab.
"Ach, das sind doch keine Freundinnen. Es sind Schulkameradinnen. Allenfalls gute Bekannte. Ich vermisse sie nicht." Die Mädchen unterhielten sich so gut, dass sie nicht bemerkten wie die Zeit verrann. Aber irgendwann ist es eben Zeit nach Hause zu gehen. Beim Abschied verabredeten sie sich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Von nun an waren die zwei Mädchen jeden Tag zusammen.
Eines Tages beschlossen sie mal wieder zum Weiher zu gehen. Als sie näher kamen, sahen sie drei Jungs die am Ufer standen. Ihre Fahrräder hatten sie auf dem Steg abgestellt. Annes Mine verfinsterte sich und mit einem Ruck zog sie die Bremse an ihrem Rollstuhl an.
"Komm lass uns woanders hingehen", forderte sie Julia auf.
"Aber warum denn Anne, was hast du denn", fragte Julia verständnislos.
"Das sind die Mayer – Jungs", betonte sie. "Ihre Eltern besitzen den größten Hof hier im Dorf. Das sind die, die mich ärgern und sich dann über mich lustig machen." "Hab keine Angst vor Ihnen. Lass mich nur machen." Die Jungs standen am Ufer und warfen Steine nach den Enten.
"He", rief Julia laut. "Räumt mal eure Fahrräder zur Seite. Wir wollen auf den Steg." Überrascht drehten sich die Jungs um. Als sie sahen wer da auf den Steg wollte, sagte der Ältere von ihnen:
"Schau schau, die Behinderte und ihr Wachhund." Julia blieb gelassen.
Frech grinste er ihr entgegen. "Der Steg ist für Rollstühle gesperrt. Ihr könnt wieder gehen." "Wie bitte", fragte Julia mit scharfem Unterton und griff nach dem ersten Rad, um es zur Seite zu schieben. Der Junge begriff was Julia vorhatte, und stürmte wütend auf sie zu.
Darauf hatte sie gewartet. Wie zufällig streckte sie ihren Fuß vor, und der Junge landete bäuchlings im Sand. Blitzschnell war Julia über ihm und stellte ihren Fuß auf seinen Rücken.
"Das kommt davon, wenn man sich mit einem Wachhund anlegt", sagte sie triumphierend.
"Und nun verschwindet und lasst uns alleine." Überrascht und mit hochrotem Kopf rappelte er sich schnell auf, nickte seinen Brüdern zu und zog mit ihnen davon.
"Wage es ja nicht, meine Freundin noch einmal zu ärgern", rief ihm Julia wütend hinterher. Anne saß mit bleichem Gesicht in ihrem Rollstuhl und zitterte am ganzen Körper. Leise fragte sie:
"Sag mal, hattest du denn keine Angst?" Julia hatte sich wieder abgeregt und lächelte Anne an.
"Ich verrate dir ein Geheimnis. Seit einem Jahr, besuche ich einen Selbstverteidigungskurs. Und heute konnte ich endlich einmal einen von meinen Tricks ausprobieren. Aber mal im Ernst. Sehe ich aus wie ein Wachhund?" Beide prusteten los und machten sich darüber lustig.
Julia ließ sich immer wieder etwas Neues für Anne einfallen. Mal überraschte sie ihre Freundin mit einem Picknick, ein anderes Mal machten sie lange Spaziergänge, bei denen Julia selbstverständlich den Rollstuhl schob. Inzwischen hatte sie auch gelernt, wie sie Anne gefahrlos aus dem Stuhl heben konnte. Dann saßen sie stundenlang auf einer duftenden Blumenwiese und beobachteten die bunten Schmetterlinge, die durch die warme Sommerluft tanzten, unterhielten sich über dieses und jenes und hatten sehr viel Spaß dabei.
Anne hatte sich verändert. Sie lachte viel, und konnte sich über jede Kleinigkeit riesig freuen.
Mit Julias Hilfe gelang es ihr mit ihrem schweren Los besser umzugehen. Und ohne dass es sonderlich auffiel, war zwischen den Mädchen ein festes Band der Freundschaft gewachsen.
Die Zeit verrann wie im Flug. Das Ende der Sommerferien kam immer näher. Julia bemerkte, dass Anne immer stiller wurde.
"Was ist mit dir", fragte sie besorgt.
"Ich bin traurig weil du morgen wieder nachhause fährst und alles vorbei ist." "Aber nein Anne. Wer sagt denn so etwas. Du bist doch meine beste Freundin", betonte Julia.
"In ein paar Wochen wenn die Herbstferien sind, dann komme ich wieder. Und in der Zwischenzeit werden wir miteinander telefonieren und uns ganz viele Briefe schreiben." Julias Worte waren Balsam für Anne. Sie konnte sogar schon wieder ein wenig lächeln.
Die paar Wochen Schule würden schnell vergehen. Für sie zählte nur noch eines.
Sie war nicht mehr alleine. Dank ihrer einzigartigen Freundin Julia.